Elisabeth im Takarazuka-Theater in Tokyo

„Ein Programmpunkt und ein MUSS für Tokyo. Das Takarazuka-Theater…”, das waren die Worte meiner Patentante als sie erfuhr, dass ich für einige Monate nach Tokyo gehen würde. Und ein Video mit Ausschnitten der Inszenierung von Elisabeth hat sie auch direkt mitgeschickt. Ich muss gestehen, dass ich zuvor noch nichts von diesem Theater gehört hatte und habe erstmal Google befragt. Und es stellte sich schnell heraus, dass diese Inszenierung von Elisabeth völlig anders ist als die Versionen, die wir hier im deutschsprachigen Raum kennen. Der wohl größte Unterschied liegt darin, dass alle Rollen von Frauen gespielt werden. Für mich im Vorhinein irgendwie kaum vorstellbar. Aber die Neugierde hat mich direkt gepackt und ich hatte großes Glück! Denn während meines Aufenthalts in Tokyo stand tatsächlich Elisabeth auf dem Programm des Theaters!

IMG_7656

Bevor ich aber auf die Inszenierung eingehe, möchte ich erstmal ein paar Fakten über das Takarazuka Theater mit Euch teilen. Zum Einen, weil es wichtig ist, um die Besonderheiten der Inszenierung zu verstehen und weil es auch total interessant und spannend ist.

Das Takarazuka-Theater gibt es seit mehr als 100 Jahren in Japan. Das Theater sowie die dazugehörige Schule wurden von einem Eisenbahnkonzerns ins Leben gerufen, der den letzten Stopp seiner Bahnstrecke attraktiver gestalten wollte. Von Beginn an lag die Intention darin sich an westlichen Musicals und Revuen zu orientieren. Dies sollte im Kontrast zum traditionellen “Kabuki”-Theater stehen, in dem alle Rollen von Männern gespielt werden.
Das Takarazuka-Theater ist eine Welt für sich. Quasi ein geschlossenes System. Denn für die Produktionen gibt es keine Auditions, an denen alle (ausgebildeten) Musicaldarsteller teilnehmen können. Im Takarazuka Theater stehen nur Darstellerinnen auf der Bühne, die die Takarazuka Music School besucht haben. Die in Japan sehr renommierte Musical-Schule hat einmal im Jahr Auditions, in denen junge Frauen zwischen 15-18 Jahren ihr Talent unter Beweis stellen müssen. Sie müssen jedoch nicht nur talentiert sein, sondern auch dem Anspruch “sei aufrichtig, unschuldig und schön”entsprechen. Tausende von jungen Frauen versuchen ihr Glück, aufgenommen werden aber nur 40.

8

In der Takarazuka Music School werden die jungen Frauen dann in Schauspiel, Tanz und Gesang ausgebildet. Nach dem ersten Jahr wird dann entschieden, ob sie zukünftig Männer- oder Frauenrollen spielen werden. Dies dürfen die Darstellerinnen selber entscheiden, jedoch unter Berücksichtigung von Aspekten wie Oktavenstärke, Größe, usw.
Nach der Ausbildung werden die Darstellerinnen einer der fünf Gruppen Flower, Moon, Snow, Star und Cosmos zugeteilt. Jede Gruppe inszeniert verschiedene Musicals, Revuen, usw. Elisabeth wurde beispielsweise von der Gruppe Moon dargeboten. Die Gruppen sind quasi eine feste Cast, in der es eine starke Hierarchie gibt und festgelegt ist, wer Hauptrollen, Nebenrollen und Ensemble spielt. In der Regel hat eine Gruppe zwei Top-Stars, die gesetzt sind für die männliche und weibliche Hauptrolle aller Stücke.

cpl73a000007j7pl

Ihr merkt schon, dass Takarazuka-Theater ist etwas ganz besonderes. Es ist auch bekannt für seine sehr treuen Fans. Die Karten für Elisabeth waren super schnell ausverkauft (ich hatte also absolutes Glück) und auch sehr teure Fan-Geschenke sind keine Seltenheit. Die Darstellerinnen genießen ein sehr hohes Ansehen in der Gesellschaft. Eine besonders große Fanbase haben übrigens die Darstellerinnen, die die männlichen Rollen spielen. Und wenn sie sich entschließen das Takarazuka zu verlassen, stehen ihnen in der Entertainmentbranche in Japan alle Türen offen – ob weiterhin im Musicalbereich, als Sängerin oder Schauspielerin in Filmen und im Fernsehen, alles ist für sie möglich.

Takarazuka_Grand_Theater_(38509899591)

Nun aber zu meinem ganz persönlichen Takarazuka-Erlebnis. Als ich das Theater betreten habe, ist mir direkt aufgefallen wie hochwertig und edel alles aussieht. Bevor ich in den Saal gegangen bin, habe ich mich noch im Merchandise-Shop (ja, es gibt einen ganzen Shop, nicht nur einen Stand) und war erschlagen von der Auswahl. Es gab wirklich alles. Von Autogrammkarten vieler Darstellerinnen, über Programmhefte, CDs, Boxen mit Keksen….einfach alles. Der Zuschauersaal war auch deutlich größer als zuvor bei König der Löwen. Die Bühne wirkte schon mit heruntergelassenem Vorhang unglaublich groß. Und dann ging es los.

cpl73a000007j7pc

Und auf mich ist so viel eingeprasselt. Erstmal war es natürlich (wieder) auf Japanisch. Ich muss gestehen, dass es mir bei Elisabeth nicht mehr ganz so geschmeidig ins Ohr ging wie zuvor bei König der Löwen. Ein weiterer sehr sehr beeindruckender Aspekt war, dass auf der Bühne unglaublich viele Menschen waren. Ich habe am Ende knapp 50-60 Darstellerinnen gezählt. Ich war wirklich begeistert von den Kostümen und den Bühnenbildern. Was für eine Vielfalt, was für eine Detailliebe und was für eine Qualität. Nahezu jede Szene hatte ein anderes Bühnenbild. Und die Kostüme waren sehr ausladend. Völlig anders wird hier der Tod gesehen. Bei uns ist der Tod ja recht simpel in schwarz oder weiß gekleidet. Im Anzug und ohne viel Firlefanz. Im Takarazuka-Theater trägt der Tod sehr ausgefallene Kostüme. Er wird viel phantasievoller dargestellt und das Mystische dadurch ganz anders interpretiert.

cpl73a000007j7q3
Aber wie war es nun den Tod und auch die weiteren männlichen Rollen mit Darstellerinnen zu erleben? Ich habe es als überhaupt nicht störend oder falsch empfunden. Man hört tatsächlich raus, dass dort auf der Bühne keine Männer singen. Aber dennoch ist es stimmig. Ich fand es wahnsinnig spannend zu sehen wie weibliche und männliche Attribute verschwommen sind. Denn obwohl die Darstellerinnen Männer spielten und auch als diese gekleidet waren, verloren sie nicht ihre (weibliche) Eleganz. Ein sehr interessantes Zusammenspiel, was vielleicht den Zauber des Takarazuka-Theaters ausmacht.

cpl73a000007j7sl
Auch interessant fand ich die Choreographien. Bei den Inszenierungen, die ich bisher gesehen habe, würde ich die Choreographien als modern bezeichnen. Hier in Tokyo hingegen war es recht klassisch. Man hat gesehen, dass alle Darstellerinnen eine klassische Tanzausbildung genossen haben. Und da wurde nicht einfach um einander herum gegangen, sondern ganz exakte Pirouetten gedreht. Insgesamt habe ich es daher viel tänzerischer wahrgenommen.

cpl73a000007j7tq
Und als das Stück vorbei war, durfte ich das erleben wofür das Takarazuka-Theater bekannt ist. Und ich möchte sagen, dass dort das Schlussapplaus-Prozedere wohl perfektioniert wurde. Plötzlich erschien eine gar riesige Revue-Treppe auf der Bühne und es wurde ein Best of der Songs dargeboten. Diesmal alles etwas schmissiger. Mit noch ausgefallerenen Kostümen und Choreographien. Die Hauptrollen bekamen hier noch mal besondere Soli. Und die Darstellerin des Todes hatte ihren großen Auftritt in ihrem gigantischen Federkostüm.

cpl73a000007j7u8
Als ich das Theater verlassen habe (natürlich habe ich vorher noch etwas im Merchandise-Shop als Erinnerung gekauft) war ich wirklich überwältigt von den Eindrücken. Und so richtig kann ich die Frage, ob es mir gefallen hat, bis heute nicht beantworten. Es war einfach anders. Eine wahnsinnig tolle und interessante Erfahrung. Dieses Erlebnis kann ich mit nichts anderem Vergleichen. Aber weil ich es mir jederzeit noch mal anschauen würde (oder auch eine andere Inszenierung) würde ich die Frage schlussendlich wohl mit “Ja” beantworten.

Und wenn Ihr jetzt neugierig geworden seid, kann ich Euch nur raten mal das Internet anzuschmeißen und zu schauen, welche Eindrücke Euch Google und YouTube noch so geben können. Es ist wirklich eine andere Welt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *