Ghost – Das Musical im Theater des Westens in Berlin

Ach, was habe ich mich gefreut als bekannt gegeben wurde, dass Ghost endlich (in einer Großproduktion) nach Deutschland kommt. Und wie sehr habe ich geflucht, als dann die Besetzung der Hauptrollen bekannt gegeben wurde. Ja – du hast richtig gelesen – dort steht das Wort „geflucht“ und nicht „gefreut“. Ich war zu dem Zeitpunkt in Rom und bin Wut schnaubend durch die Gegend gestapft. Meine Freundin Kathrin, die mit mir unterwegs war, war völlig überfordert: ,,Aber ist es doch nur ein Musical, Miri…“ Richtig – Ghost ist eines von vielen Musicals, aber irgendwie habe ich dieses ganz besonders in mein Herz geschlossen. Ich habe mich vor vielen Jahren bereits in die Musik verliebt und vielleicht liegt es an der Lebenssituation, in der sich Molly und Sam befinden, dass ich mich so mit ihnen identifizieren und so mit ihnen mitleiden kann. Warum ich dann aber geflucht habe, als bekannt gegeben wurde, dass Alexander Klaws und Willemijn Verkaik die Hauptrollen spielen werden?

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Vielleicht denkst Du jetzt , ich mag die beiden einfach nicht. Das stimmt aber nicht. Alexander Klaws fand ich wirklich toll als Tarzan und ich durfte ihn in Oberhausen und beim Ghost-Event in Berlin „live und ganz nah“ erleben und muss sagen, dass er einfach unfassbar nett und sympathisch ist. Ich weiß auch nicht, ob es Menschen gibt, die Willemijn nicht mögen – sie ist eine so großartige Darstellerin mit einer Wahnsinns-Stimme und ich bin sehr dankbar, dass ich sie als Elphaba erleben durfte. Dennoch empfand ich die Besetzung als nicht ideal. Insbesondere Willemijn, die ich nicht nur als zu alt für diese Rolle empfand, sondern auch als zu stark. Aber – erstmal anschauen und dann urteilen! Also ging es ab nach Berlin. Ich war richtig aufgeregt. Würde mir diese Inszenierung gefallen? Ich habe Ghost bereits im English Theatre in Frankfurt erleben dürfen. Dort erlebte ich ein Wechselbad der Gefühle – ich habe geweint, gelacht, getanzt und war völlig mitgerissen. Würde es mir nun auch so ergehen?

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Das, was ich bisher über die Inszenierung gehört hatte, war durchweg positiv. Auch wusste ich, dass es anders inszeniert wurde als in der ersten UK-Tour oder am Broadway. Das Bühnenbild im Theater des Westens war (soweit ich das im Trailer erkennen konnte) identisch mit dem aus Linz. Betonartige Elemente, die die Bühne auf eine interessante Weise aufteilten und so verschiedene Räume schafften. Teilweise wurden noch Elemente auf sie projiziert. Natürlich gibt es auch ein paar bewegliche Elemente wie die Einrichtung der Wohnung von Molly und Sam, den Salon von Oda Mae Brown und die anderen Orte, die in dem Stück vorkommen. Grundsätzlich hat mir diese Gestaltung gut gefallen. Ich fand es nur teilweise zu luftig. Insbesondere der Salon von Oda Mae hätte meiner Meinung nach mehr Begrenzung gebraucht. Trotz der Darsteller wirkte die Bühne teilweise sehr leer. Bezogen auf das Bühnenbild war die Abschlussszene meine liebste. Die Situation wie Sam sich von seinem Dasein auf der Erde verabschiedet und ins Reich der Toten hinübergeht, ist wirklich sehr sehr schön inszeniert worden!

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Kommen wir nun zu den Darstellern. Ich hatte bei meinem Besuch das Glück fast die gesamte First-Cast sehen zu dürfen:

Alexander Klaws spielte Sam Wheat. Was habe ich in Rom geflucht – unnötigerweise – wie ich mir jetzt eingestehen muss. Er hat mich wirklich überzeugt! Stimmlich wie auch schauspielerisch legte er wirklich alles in die Rolle und zeigte, dass er deutlich mehr kann als einen Affenmann auf der Suche nach sich selbst zu spielen. Als Sam muss Alexander Klaws gleich mehrere Herausforderungen meistern: Er muss sehr sehr starke Emotionen vermitteln ohne dass sie überzogen wirken und es wie Overacting rüberkommt. Und auch die Gesangsparts sind anspruchsvoll. Aber er meistert es wirklich toll.

Als Molly Jensen durfte ich Willemijn Verkaik auf der Bühne erleben. Bei ihr hat sich leider bewahrheitet, was ich bereits vermutet hatte. Auf mich wirkte ihre Interpretation der Molly zu stark und zu erwachsen. Sie konnte mir nicht glaubhaft vermitteln, dass sie hilflos, ziellos und im Inneren zerbrochen war. Teilweise hatte ich das Gefühl, dass Molly Sam als Geist gar nicht braucht, da sie schon Erwachsenen genug ist, um ihre Probleme in den Griff zu bekommen. Auch wenn sie mich schauspielerisch mit dieser Rolle nicht auf ihre Reise mitnehmen konnte, hat sie mich gesanglich wirklich umgehauen. Sie singt die Lieder mit solch einer Leichtigkeit, Sicherheit und Emotionalität, dass sich die ein und andere Träne ihren Weg bahnte.

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Für dieses Musical ist eines ganz besonders wichtig: Die Darsteller von Molly und Sam müssen es in den wenigen ersten Szenen, in denen Sam noch lebt, schaffen, dass das Publikum ihnen das verliebte Paar abnimmt. Ich glaube es sind zwei oder drei Szenen, in denen die beiden sich als Paar präsentieren können. Wird man als Zuschauer nicht davon überzeugt, dass das zwischen den beiden die ganz große Liebe ist, kann man nicht in vollem Maße mitleiden und sich auf die emotionale Achterbahnfahrt begeben, die dieses Stück bereithält. Und an genau diesem Punkt lag für mich an diesem Abend die größte Schwachstelle: Mich haben Molly und Sam nicht davon überzeugt, dass sie im jeweils anderen die wahre große Liebe gefunden haben.

Als Oda Mae Brown stand Amber Schoop auf der Bühne, die – man möchte schon fast sagen – eine zauberhafte Oda Mae spielte. Sie legte wirklich alles in diese Rolle und kreierte ihre ganz eigene Version von ihr. Ihre Oda Mae war jung und frisch und spielte sich schnell in die Herzen des Publikums. Sie zeigte ein tolles Gespür für Komik und konnte schon mit einem Blick das Publikum zum Lachen bringen. Auch in den Gesangsparts gab sie alles und brachte ein paar schwung- und humorvolle Momente in dieses Stück.

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Mein persönliches Highlight war Andreas Bongard als Carl Brunner. Was für eine exzellente Besetzung. Carl wird in dieser Geschichte von einer Nebenperson zu einer Hauptperson und diese Entwicklung präsentiert Andreas Bongard wirklich großartig auf der Bühne. Man kann förmlich jede Entwicklungsstufe vom guten Freund bis zum verzweifelten und egoistischen Bösewicht spüren und miterleben. Auch stimmlich ist er eine Wucht. Es war fast schon schade, dass Carl nicht noch mehr Gesangsparts hatte. Und: Sich so authentisch von einem Geist verprügeln lassen, muss man auch erstmal schaffen!

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Auch die weiteren Rollen war passend besetzt und verhalfen zu einem stimmigen Gesamtbild. Insgesamt wirkte das Ensemble auf dieser luftigen Bühne jedoch recht klein. Man hätte gut noch ein paar mehr Darsteller auf die Bühne stellen können.

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Ihr habt sicher gemerkt – so richtig umgehauen hat mich diese Inszenierung leider nicht. Sie war deutlich – sehr sehr deutlich – besser als die 2. UK-Tour. Aber mein Herz konnte sie nicht so richtig berühren. Schade, denn das Musical hat definitiv das Potential dazu. Vielleicht habe ich aber auch einfach mit der Inszenierung in Frankfurt, bei der alles sehr intim und nah war, die für mich perfekte Version dieses Musicals erlebt. Und vielleicht passen meine Vorstellungen zu diesem Musical auch einfach nicht zu einer Großproduktion. Fragen über Fragen.

Ich bin auf jeden Fall gespannt wie es für dieses Musical weitergehen wird. Ob es in Berlin zu einem Erfolg wird, wie lange es genau dort bleiben wird. Ob es danach umzieht oder erstmal wieder in einer Schublade bei Stage verschwindet…

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