Ghost – The Musical in London (UK-Tour 2016/17)

Was habe ich mich gefreut als bekannt gegeben wurde, dass Ghost erneut in der UK auf Tour geht. Leider erst nach der ersten UK-Tour hatte ich mich in die Musik des Stücks verliebt und vergeblich darauf gehofft, dass es Ghost in eines der großen deutschen Musicalhäuser schafft. Das kleine, aber feine, English Theatre in Frankfurt hatte sich dann 2014 an eine Inszenierung gewagt und mich total begeistert. Ja, dort gab es keine riesigen LED-Leinwände, aber dafür wahnsinnig gute Darsteller und eine intime Atmosphäre. Zweimal ging ich dort begeistert aus dem Theater und hatte immer noch die Hoffnung Ghost mal so zu erleben wie es einst auf UK-Tour war: große Bühne, tolle Special Effects, tolle Technik, opulente Kostüme und grandiose Darsteller. Diesen Traum wollte ich mir nun erfüllen, als ich mir Karten für die zweite UK-Tour von Ghost kaufte und eine Reise nach London plante. Doch es kommt erstens anders und zweitens als man denkt.img_20160909_191248573

Wie ich ja schon erzählt habe, fand selbst ich die Besetzung sehr fragwürdig und die ersten Kritiken waren vernichtend (den Blogbeitrag findest du hier). Meine Vorfreude war sehr getrübt, aber dafür auch meine Erwartungen deutlich runtergeschraubt. Mit der Hoffnung, dass es doch nicht so schlimm werden würde, ging es dann Freitag ins New Wimbledon Theatre in London.

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Kurz bevor es losging kam eine Durchsage, dass Molly an diesem Abend von Kelly Hampson gespielt wird. Eine Erleichterung für mich. Sarah Harding, die eigentliche 1. Besetzung, wurde in den Kritiken förmlich zerfetzt. Auf Facebook hatte ich bereits gelesen, dass Kelly Hampson die deutlich bessere Besetzung sei. Auch Oda Mea Brown wurde an diesem Abend von der 2. Besetzung verkörpert. Leider gab es keine ausgehängte Castliste und alles ging so schnell, dass ich mir den Namen nicht merken konnte :(

Wer die erste UK-Tour gesehen hat, muss von der Ausstattung der aktuellen Tour mehr als enttäuscht sein. Die Bühnenbilder waren schlicht und spärlich. LED-Leinwände und andere technische Raffinessen fehlten gänzlich. Elemente wie Bett, Schreibtisch u.ä. wurden (von den Darstellern) auf die Bühne geschoben und lediglich der Hintergrund wechselte sich je nach Szenerie. Auch die Kostüme der Darsteller waren unauffällig und simpel. Insbesondere bei Oda Mea Brown hätte man es ordentlich krachen lassen können. Und ein anderes Hemd für Sam hätte mir auch besser gefallen. Als er starb und deswegen dann auch für den Rest des Stücks, trug er ein bordeaux-farbenes, glänzendes Hemd, dass an ihm runter hing wie ein Sack. Schon bei der Ausstattung wurde deutlich, dass hier die Liebe zum Detail fehlt. Lieblos wurde einfach alles (vermutlich möglichst kostengünstig) auf die Bühne geklatscht. Wenig wunderlich war es daher dann auch, dass es absolut keine Special Effects gab. Ja, Sam konnte durch Türen gehen – kann aber jeder, wenn die halbe Tür weggeklappt werden kann. Und als er lernte Dinge zu bewegen, hatte er eine Zeitung als Übungsobjekt, die dann eher lächerlich als effektvoll zu schweben begann.

Auch die Songs wurden zum Teil anders arrangiert. Teilweise wurde einem sehr schnell klar, dass es daran lag, dass die Darsteller den anspruchsvollen Liedern im Original nicht gewachsen waren. Bei anderen Songs konnte man wiederum nicht verstehen, warum diese auseinandergepflückt und nicht einfach wie im Original belassen wurden.

Aber kommen wir nun zu den Darstellern. Die komplette Cast bestand aus 14 Darstellern. Ja…richtig gelesen: VIER-ZEHN. Und keiner mehr. Keiner Wunder also, dass die Ensembleszenen auf dieser großen Bühne doch sehr spärlich wirkten und so eigentlich gar nicht wirken konnten. Vermutlich wieder ein Punkt, an dem kräftig gespart wurde.

14142051_1443558025671005_8313054345649859033_nWie ich ja schon erwähnt habe, wurde die Rolle der Molly an diesem Abend von der 2. Besetzung Kelly Hampson verkörpert. Sie spielte die Molly gut. Schauspielerisch lieferte sie eine solide Leistung ab, hätte jedoch deutlich mehr Leidenschaft in diese Rolle geben können. Gesanglich war sie deutlich stärker als das, was ich bereits von Sarah Harding gehört hatte. Jedoch merkte man ihr deutlich an, dass sie sich sehr auf das Singen konzentrieren musste. Und auch der ein oder andere Ton ging mal daneben. Dass ich bei „With You“ keine Tränen in den Augen hatte, zeigt, dass keinerlei Emotionen transportiert wurden. Und der Weg von Bühne zur ersten Reihe ist kein weiter gewesen…

14095746_1443489669011174_6541423972644870241_nKommen wir nun zu Andy Moss als Sam. Wer meine Story auf Instagram verfolgt hat, kann sicherlich schon ahnen, was ich von ihm in der Rolle halte. Wo soll ich nur anfangen? Stimme – Bei seinem ersten Solo „I had a life“ fiel mir wieder ein, dass ich gelesen hatte, dass er nicht singt, sondern schreit. Bei dramatischeren Songs schrie er die Worte aus seinem tiefsten Inneren nur so heraus. Vermutlich wollte er damit zum Einen seine tiefe Verzweiflung rüberbringen und zum Anderen vertuschen, dass er die Songs stimmlich nicht bewältigt kriegt. Bei sanfteren Stücken hauchte er schwierige Passagen und deutete gerne mit Kopf- und Handbewegungen an, wo er sich auf der Tonleiter gerade befindet. Neben einer Sarah Harding fällt seine stimmliche Schwäche vermutlich kaum auf. Neben einer gelernten Musicaldarstellerin wie Kelly Hampson dagegen schon. In Duetten war er kaum zu hören und eine Zweistimmigkeit konnte meistens nur bei ganz genauem Hinhören erahnt werden. Aber kommen wir nun zu seinem Schauspiel. Mir ist es unverständlich wie ein Mensch, mit einem ganz offensichtlich nicht vorhandenem schauspielerischem Talent, Schauspieler sein kann!! In England ist er ein Soap-Star…ok…ich hätte ihm maximal ein Rolle bei Berlin Tag und Nacht oder Familien im Brennpunkt gegeben. Er hatte drei Gesichtsausdrücke: Gesichtsausdruck 1 sollte traurig & verzweifelt sein. Die Stirn hochgezogen, Mund leicht geöffnet und Mundwinkel soweit runterziehen wie es ging. Dabei beugte er sich noch leicht nach vorne und legte seine Arme zwischen die Beine. Gesichtsausdruck 2 setzte er auf, wenn er über etwas überrascht oder erschrocken war. Augen weit aufgerissen. Stirn hochgezogen und den Mund offen zu einem O formen. Die Körperhaltung von Gesichtsausdruck 1 behielt er hier dann gerne auch bei. Gesichtsausdruck 3 ließ sich für mich nicht deuten.

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War aber irgendwie eine Mischung aus beiden. Das fehlende schauspielerische Talent führte zu einigen Lachern hier und da, weil man es mit einer gewissen Ernsthaftigkeit einfach nicht anders ertragen konnte. Meine Mutter zog stellenweise ihre Brille aus, um seine Mimik nicht mehr sehen zu müssen. Traurig für das Stück war, dass Andy Moss, der so gut wie bei jeder Szene auf der Bühne war, mit seinen Gesichtsausdrücken jegliche Dramatik, Trauer und Spannung verpuffen ließ. Auch die Dramatik um seinen Tod konnte ich nicht nachempfinden. Andy Moss schaffte es nicht in seinen wenigen Auftritten als lebendiger Sam Sympathien bei mir zu wecken. Er wirkte eher wie Carl – unsympathisch, karrieregeil, eben wie ein Arschloch.

14142062_1443493015677506_3382599791319266274_nCarl wurde von Sam Farriday gespielt. Er bot eine gute Leistung an diesem Abend. Schauspielerisch zeigte er alle Facetten der Rolle. Insgesamt kann man nicht meckern. Jedoch fehlte auch bei ihm ein wenig die Leidenschaft. Gesanglich meisterte er seine Einsätze sehr gut. Er war stimmlich sicher und überzeugte hier im Gegensatz zu Andy Moss.

 

Oda Mea Brown wurde von der 2. Besetzung verkörpert. Sie war definitiv die stärkste Darstellerin an diesem Abend. Sicherlich auch bedingt durch ihre schmissigen Songs, hat sie es geschafft etwas zu transportieren. Sie schaffte es auch durch ihr Schauspiel die quirlige und aufgedrehte Persönlichkeit rüberzubringen ohne dass man das Gefühl hatte, dass sie übertreibt.

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Ein bisschen Angst hatte ich vor Garry Lee Netly als Subway Ghost. Hier war definitiv Overacting ein großes Thema. Er übertrieb sein Schauspiel total und zog sowohl sich als auch die Szene ins Lächerliche.

 

 

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James Earl Adair als Hospital Ghost war besetzungstechnisch auch keine Glanzleistung. Stimmlich war er sehr schwach in seinem Solo und ich habe mich gefragt, warum man diesen alten Mann noch mal auf die Bühne holen musste.

 

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Willie Lopez wurde von Leo Sene gespielt. Meiner Meinung nach die einzige Top-Besetzung der Cast. Ihm habe ich die Rolle komplett abgekauft. Er war arrogant, irgendwie ekelig, gangstermäßig und ein Arschloch. So wie man sich einen Kriminellen eben vorstellt.

 

Mit heruntergeschraubten Erwartungen und einem zugedrückten Auge war es ein Musicalabend, der ok war. Nicht so katastrophal wie man teilweise lesen konnte, aber sicherlich auch nicht großartig. Es gab keinen Zauber und keine Leidenschaft. Und das ist bei diesem Stück tödlich.

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