Hedwig and the angry inch in der Brotfabrik Frankfurt

Vergangenes Wochenende war ich in der Brotfabrik Frankfurt zu Besuch und habe mir die Hedwig and the angry inch-Produktion von Off-Musical Frankfurt angesehen. Eine ungewöhnliche Location für ein Musical, ein junges Produktionsunternehmen und ein Stück, welches weit über das Normale, oder eher gesagt Bekannte, hinausgeht. Bereits im Frühjahr hatte ich mir Hedwig in Kassel angeschaut. Dort wurde es von Studio Lev Kassel e.V. inszeniert mit niemand geringerem als Andreas Bieber. Ich habe lange überlegt, ob es mir das Stück wert ist dafür nach Frankfurt zu fahren. Ich hatte ja bereits eine Inszenierung gesehen, dachte mir, dass es ohne Andreas Bieber sicherlich nicht besser sein würde und hatte das Thema für mich schon abgeschlossen. Doch dann „klopfte“ Stephan von Off-Musical Frankfurt an und fragte, wann ich denn nun vorbeikommen wolle. Und dass die Inszenierung so toll sei und ihn interessiere wie ich sie im Vergleich zu Kassel fände. Er weckte meine Neugier. Und ehrlich gesagt hatte es mich auch total interessiert wie ich dieses Stück mit anderen Darstellern und anders inszeniert empfinden würde. Nach dem letzten Anschubser habe ich dann doch noch einen passenden Termin gefunden und es ging ab nach Frankfurt!

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Hedwig and the angry inch ist ein recht junges Stück. Komplett neu ist es nicht mehr, nachdem es in Kassel und Linz schon auf der Bühne zu sehen war. Wer nicht weiß worum es geht, kann ja mal in meinen Bericht über Kassel reinschauen. Dort habe ich den Inhalt bereits einmal grob zusammengefasst. Bereits in Kassel hatte ich gespürt, dass jede Inszenierung dieses Musicals einzigartig sein muss. Denn dieses Stück lässt Platz für Kreativität und Schauspiel. Gab es in Kassel neben der Hauptbühne viele kleine Bühne im Zuschauerraum, war es in Frankfurt ganz „klassisch“ als Konzertsituation inszeniert. So hatte man tatsächlich das Gefühl auf dem Konzert der Chanteuse Hedwig gelandet zu sein. Bereits beim Betreten des Saales tauchte man in diese Szenerie ein.

Ich könnte mir vorstellen, dass einige von der Inszenierung gehört haben, aber sich dachten: ,,Wieso soll ich nach Frankfurt fahren? Für den Herrn Bieber lohnt sich ja eine weitere Anreise, aber für zwei unbekannte Darsteller…?“ Ich kann Euch sagen: Es lohnt sich! Und da spreche ich nicht nur für Hedwig in Frankfurt. Denn es gibt so viele talentierte Darsteller, die einfach nicht zum Zug kommen, weil sie nicht den passenden Namen und nicht die Bekanntheit haben wie die großen Musicalstars. Legt die Vorurteile ab und lasst Euch auf Neues ein! Insbesondere die, die langsam aber sicher von Stage-Musicals gelangweilt sind…

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Ich durfte am Sonntag Kathrin Hanak als Yitzak und Lukas Witzel als Hedwig erleben und ich war begeistert. Ich war gefesselt. Ich wurde mit auf eine Reise genommen. Lukas Witzel durfte ich bereits bei Tick…Tick…Boom! im vergangenen Herbst erleben und war sprachlos über die Entwicklung, die er seitdem gemacht hat. Jeder Ton saß und er spielte als gäbe es kein Morgen. Man spürte das Herzblut, die Leidenschaft und den Spaß.09_Kathrin-Hanak

Auch wenn die Rolle des Yitzak klein scheinen mag, konnte Kathrin Hanak in ihr glänzen. Sie spielte den Mann mehr als überzeugend, schaffte es trotz ihrer wenigen Worte Sympathien zu wecken und machte eine tolle Entwicklung durch. Absolutes Highlight war ihr großer Auftritt am Ende.

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Hedwig war in dieser Inszenierung in Samt gekleidet und nicht wie oft üblich in Jeans. Und wie der Stoff war auch die Hedwig, die ich auf der Bühne erlebte sanfter und femininer als in Kassel. Hier und da blitzen verletzliche Seiten durch, die schnell bedeckt wurden, aber einen verstohlenen Einblick in ihr Seelenleben gaben. Mit der Zeit öffnete sie sich immer mehr, versuchte dabei aber ihren Stolz und ihre Würde nicht zu verlieren. Ich war wirklich begeistert davon wie Lukas Witzel diese Rolle mit Leben gefüllt hat und von der Art und Weise wie er diesen komplexen Charakter auf die Bühne gebracht hat. Kathrin Hanak als Yitzak unterstützte Hedwig auf ihrer Reise und schaffte es auch ohne direktes Spotlicht Yitzak ins Rampenlicht zu rücken.

Die Inszenierung in Frankfurt hat mir wirklich wahnsinnig gut gefallen. Mein Fazit war auch, dass diese Inszenierung mehr meine Inszenierung war. Sie war sanfter, offener und hatte die richtige Mischung aus Abstand und Nähe zum Publikum. Das Frankfurter Publikum hat meiner Meinung nach das große Glück, dass es für die Spielzeit 2 Hedwig-Darsteller gibt. Diese Rolle bietet so viel Platz und Raum für Darsteller sich ausleben und ist in diesem Musical so zentral, dass es sicher spannend ist sowohl Lukas Witzel als auch Michael Kargus in dieser Rolle einmal zu erleben.

Auch wenn ich kein Freund von vergleichen bin, bietet es sich in diesem Falle einfach zu sehr. Hier ein paar Worte zu den Inszenierung in Kassel und Frankfurt im Vergleich:

Bühnenbild: Wie bereits erwähnt gab es in Kassel neben der Hauptbühne noch kleine Bühnen im Publikum. Dort wurde dadruch der ganze Saal bespielt. In Frankfurt gibt es eine klassische Konzertsituation. Eine Hauptbühne, die aber auch vereinzelt von den Darstellern verlassen wird.

Atmosphäre: Die Atmosphäre war wirklich komplett anders. In Kassel wurde der DDR-Charme aufgegriffen, dort herrschte fast schon eine Wohnzimmeratmosphäre. In Frankfurt hingegen war es cleaner und geradliniger.

Inszenierung: Hedwig wurde in Kassel sehr provokativ, direkt und fast schon derb inszeniert. In Frankfurt war es im Vergleich deutlich gemäßigter, ruhiger und machte so Platz für andere Facetten dieses Musicals

Yitzak: In Kassel trug Yitzak eine Perücke, in Frankfurt wurde das „Problem“ der langen Haare clever mit einer Mütze geregelt.

Hedwig: Andreas Bieber spielte die Hedwig sehr derb. Er machte aus der Rolle sein Ding und es war großartig. Lukas Witzel spielte Hedwig weicher und gefühlvoller und auch jünger. Es war eine ganz andere Herangehensweise an diesen Charakter.

 

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