Hedwig and the Angry Inch in Kassel

Hedwig and the Angry Inch – ein Stück, das in letzter Zeit in vieler Munde ist. So richtig darauf aufmerksam geworden bin ich allerdings erst über die StartNext-Kampagne vom Studio Lev. Das Studio Lev ist ein gemeinnütziger Verein für musikalische Bühnenprojekte, die von Jugendlichen und jungen Erwachsen geplant, organisiert, durchgeführt und gesteuert werden. Seit 2009 wagt sich der junge Verein an unterschiedliche Produktionen, an immer unterschiedlichen Spielorten. Mit Hedwig wird der Verein nun in Kassel sesshaft. Mit der StartNext-Kampagne wurden Gelder gesammelt, um in Kassel den festen Standort etablieren und auch die Produktion von Hedwig mit Andreas Bieber und Alice Macura in den Hauptrollen realisieren zu können. Das Ziel der StartNext-Kampagne waren 5.000€, welche weit überschritten wurden. Alle wollten Hedwig! Alle wollten ein zu Hause für das Studio Lev!

©David Worm Fotografie

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Hedwig ist in, Hedwig ist Kult und Hedwig hat ihren Weg zurück nach Deutschland gefunden. Aktuell wird das Stück nicht nur in Kassel, sondern auch in Linz gespielt. Und ab September wird es in Frankfurt zu sehen sein. Es macht sich so ein bisschen das Gefühl breit, dass der deutschsprachige Raum jetzt bereit ist für solche Stücke. Bereit für kleinere Produktionen. Bereit für Stücke, in denen Schauspiel und Gesang im Fokus stehen und nicht aufwendige Bühnenbilder und Effekthascherei. Bereit für Stücke, die eine Geschichte erzählen und nicht aus lustigen Liedern bestehen, die nur versuchen eine zu erzählen.

© David Worm Fotografie

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Und genau so ein Stück ist Hedwig and the Angry Inch. Hedwig, eine verkannte Sängerin, die eigentlich zu mehr berufen ist als ihren aktuellen Konzerten in schäbigen Clubs, ist gerade mit ihrem Ehemann Yitzhak auf Tour. Der Zuschauer wird Gast ihres Konzert und wird von Hedwig auf eine Reise durch ihr bewegtes, schräges und nicht einfaches Leben mitgenommen. Hedwig ist ironisch, sarkastisch, fies, verletzlich, aufbrausend, laut, schrill und leise. Ein Stück, auf das man sich einlassen muss. Tut man dies, wird man in eine Welt entführt, die man sich selbst mit viel Phantasie nicht hätte ausmalen können.

© David Worm Fotografie

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In diese Welt entführt zur Zeit Andreas Bieber das Publikum in Kassel. Ich habe ihn schon sehr oft auf Konzerten erlebt, aber als ich so in Kassel auf meinem Platz saß ist mir aufgefallen, dass ich ihn noch nie in einem Stück erlebt habe. Schade – denn was Andreas Bieber in Kassel abliefert ist absolute Weltklasse. Die Rolle der Hedwig verlangt seinem Darsteller wirklich alles ab – auf der Gefühlsachterbahn ist alles dabei. Andreas Bieber verausgabt sich auf der Bühne, er lebt diese Rolle und ist mit jeder Faser seines Körpers Hedwig. Die gesanglichen Parts absolviert er mit seiner gewohnten Professionalität und legt dazu noch mehr als eine große Schippe Emotionen drauf.

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Yitzhak wird von Alice Macura verkörpert. Ein absoluter Gegenpol zu Hedwig. Trotz der Ruhe, die dieser Charakter ausstrahlt und trotz der wenigen Male, in denen er so richtig aktiv in das Geschehen eingreift, ist die Rolle mehr als präsent. Alice Macura schafft es, dass Yitzhak da ist, wenn er da sein soll. Dass Parts, die witzig sein sollen, auch witzig sind. Dass seine Auftritte die nachhaltige Wirkung bekommen und das Stück so beeinflussen wie es sein soll. Auch hier eine perfekte Besetzung, bei der man die wenigen gesanglichen Einsätze bedauert.

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Insgesamt lebt das Stück von den Geschichten, die Hedwig erzählt und den Bildern, die sie malt. Ein bisschen mehr Musik hätte dem Stück sicherlich auch gut getan. Denn die Songs, die es gibt, gehen ins Ohr und sind bewegend.

Ich kann nur ein großes Lob an das Studio Lev aussprechen, das wirklich eine tolle Inszenierung dieses besonderen Stückes auf die Beine gestellt hat. Wer es schafft, sollte sich das Stück unbedingt anschauen und das junge Team in Kassel unterstützen! Ich bin gespannt, wo das Stück mittelfristig noch zu sehen sein wird. Es bietet so viel gestalterische Freiheit und ist so Darsteller abhängig, dass ich es gerne noch einmal in einer anderen Inszenierung sehen würde.

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