Interview mit Lukas Witzel

Wenn man sich die Frage stellt „Wie wird man eigentlich Musicaldarsteller?“ und sich die Lebensläufe einiger namenhafter Darsteller anschaut, sieht man, dass der übliche Weg über eine Musicaldarstellerausbildung führt. Ein Studium, in dem in Tanz, Gesang und Schauspiel ausgebildet wird. Doch wie in jeder anderen Branche gibt es im Musical auch die sogenannten Quereinsteiger. Einen dieser Quereinstiege habe ich in den letzten Jahren beobachtet. Nicht bewusst oder geplant. Aber durch viele Zufälle durfte ich Lukas Witzel zum ersten Mal in Bremen in Tick…tick…BOOM erleben, dann als Hedwig in Hedwig and the angry inch und auch als Max in Otello darf nicht platzen. Zur Zeit ist er bei Tanz der Vampire in Berlin zu sehen. Dort spielt er nicht nur eine Rolle, sondern gleich mehrere: Nightmare Solo 1 sowie Cover Professor, Chagal und Herbert! Wie sein Weg zum professionellen Musicaldarsteller aussah und wie er es schafft sich alle Rollen mit ihren Texten und Wegen einzuprägen, erzählte er mir im Interview. Viel Spaß beim Lesen!

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Lukas, im Gegensatz zu vielen anderen Darstellern, hast du keine Musicalausbildung genossen, sondern bist ein “Quereinsteiger”. Kannst Du kurz erklären, welche Ausbildung Du gemacht hast und wie die Berührungspunkte mit Musical entstanden sind?

Ich habe in Mainz Musik und Geschichte auf Lehramt studiert. Im Rahmen des Musikstudiums hatte ich klassischen Gesangsunterricht und später auch noch 2 Semester Jazz-/Pop-Gesang. Neben dem Studium habe ich 5 Jahre lang in der Mainzer Hochschulgruppe Musical Inc. Musicalerfahrung gesammelt und auch in zwei Produktionen die Musikalische Leitung übernommen. Das war nebenher zwar sehr zeitaufwändig und anstrengend, aber ich habe die Zeit und den Ausgleich geliebt und eine große Leidenschaft für Musical entwickelt.

Wie hast Du Dich darauf vorbereitet den Beruf Musicaldarsteller nun quasi “Vollzeit” und im professionellen Bereich nachzugehen?

Im Bereich Gesang habe ich durch mein Studium und die Tätigkeiten nebenher eine breit
gefächerte Ausbildung genossen. Um mich im Bereich Schauspiel weiterzuentwickeln habe ich privaten Schauspielunterricht genommen. Was den Tanz betrifft, habe ich nach dem Motto „Learning by doing“ gearbeitet und in den Produktionen, die ich bereits machen durfte, Erfahrungen in verschiedenen Stilistiken gesammelt. Als indirekte Vorbereitung auf den Beruf haben mir auch immer Gespräche mit befreundeten Darstellern, anderen Freunden und meiner Familie geholfen, die mir Mut gemacht haben oder hier und da auch mal auf Risiken hingewiesen oder Denkanstöße gegeben haben.

Nach deinen ersten Erfahrungen und vielleicht auch nach dem Austausch mit Kollegen – wie wichtig ist es, eine Musicalausbildung zu haben, um von Castern, Kollegen und dem Creative-Team als ernstzunehmender Künstler wahrgenommen zu werden?

Grundsätzlich würde ich sagen, dass der „klassische“ Weg über eine Musicalausbildung
sicherlich der einfachere ist. Dennoch bin ich froh, dass ich genau den anderen Weg gegangen bin. Es gehört vermutlich auch eine Portion Glück dazu, hier und da am richtigen Ort zu sein, um von den Produzenten und Castern wahrgenommen zu werden. Das ist alles kein Selbstläufer und man muss sich auch immer mal wieder von Rückschlägen erholen, wobei das natürlich auch für alle Kollegen gilt. Ich kann in der Rückschau auf mein erstes Jahr als Darsteller sagen, dass ich immer das Gefühl hatte, erstgenommen zu werden, wenn ich eingeladen wurde, obwohl einige Caster hier und da überrascht schienen, weil sie recht niedrige Erwartungen hatten.

Ich durfte Dich bei Tick…Tick…BOOM in Bremen erleben, dann als Hedwig in Hedwig and the angry inch und auch als Max in Otello darf nicht platzen. Für mich hat diese Entwicklung schon nach einer Karriere mit Tendenz nach oben ausgesehen. Hat es sich für Dich auch so angefühlt? Oder lebst Du mehr den Moment und fokussierst Dich auf die aktuelle Produktion?

Bisher war ich über jede Produktion, die ich machen durfte, enorm froh und dankbar. Es ist keine Selbstverständlichkeit, als „Unausgebildeter“ das Vertrauen geschenkt zu bekommen, Rollen in so großartigen Stücken zu spielen.02_Lukas-Witzel Ich weiß das sehr zu schätzen und bin froh um jede Erfahrung. Nachdem „Tick…Tick…BOOM“ noch eine semiprofessionelle Produktion war, war der Schritt in die Professionalität mit „Hedwig and the Angry Inch“ natürlich ein wahnsinnig großer für mich. Ich hatte sehr großen Respekt vor der Aufgabe, genau wie vor meiner ersten Stadttheaterproduktion „Otello darf nicht platzen“. Es waren Meilensteine für mich und ich habe jede Aufführung absolut genossen, ohne zu viel darüber nachzudenken, in welche Richtung sich das entwickelt.

Aktuell bist Du in Tanz der Vampire im Theater des Westens zu sehen. Deine erste Stage-Produktion und gleichzeiSg ein absolutes Kult-Musical. Hast Du Dich gezielt für das Bewerben bei dieser Produktion entschieden? Und wie war es für Dich den Anruf zu erhalten, dass Du dabei bist?

Tanz der Vampire war immer schon eines meiner Lieblingsstücke. Ich liebe die Musik und finde, dass es einfach gut gemacht ist. Als die Ausschreibung raus war, war klar, dass ich versuchen würde, zum Casting eingeladen zu werden. Auch wenn ich immer von Alfred geträumt habe, hat mich die Einladung für Professor unfassbar gefreut und ich war ausgesprochen nervös vor der Audition. Als nach dem Final dann der Anruf des Theaters kam, habe ich ihn erstmal verpasst und per Mailbox erfahren, dass sie ein Angebot für mich haben. Nach dem ersten unkontrollierten Ausbruch der Freude habe ich dann zurückgerufen und meine Gesprächspartnerin hat das Dauergrinsen durchs Telefon gespürt.

Bei Tanz der Vampire spielst Du gleich mehrere Rollen: Nightmare Solo 1, Cover Professor, Cover Herbert und Cover Chagal. Wie um Himmelswillen passen all die Texte, Wege und Choreographien in deinen Kopf?

Wie das funktionieren soll, war mir zunächst auch nicht ganz klar, aber ich wollte die
Herausforderung unbedingt annehmen. Das Gute ist, dass die Rollen nicht so viele gemeinsame Szenen haben. Professor und Chagal haben am Anfang des Stückes miteinander zu tun, Herbert und mein Ensemblepart teilen sich Cape Noctem und das Finale. Ansonsten gibt es nicht so große Überschneidungen. Dennoch muss ich mich natürlich stark konzentrieren und auf die jeweilige Position intensiv vorbereiten, damit nichts Großes schief geht. Zur Menge an Text kann ich sagen, dass man sich die Zeit nehmen muss, alles Stück für Stück und Rolle für Rolle zu lernen. Dann geht es schon irgendwann, obwohl die Aufregung vor jeder Show selbstverständlich besonders groß ist.

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Ich habe auf Instagram gesehen, dass Du teilweise während einer Show zwei Rollen gespielt hast. Wie kam es dazu und wie ist das überhaupt umsetzbar? Bist Du jetzt Meister im Abschminken?

Es kam jeweils einmal vor, dass ich Chagal bzw. Herbert mit dem Nightmare Solo verknüpft habe. Im ersten Fall bedeutete das tatsächlich ein bisschen Zeitdruck beim Umschminken und Umziehen, aber ich hatte zum Glück die Hilfe unseres großartigen Backstageteams und habe es pünktlich wieder als Chagal in den Sarg geschafft. Der zweite Fall war Backstge entspannter, weil ich als Herbert die gesamte Nummer, also auch das Solo auf dem Bett gesungen habe. Die Herausforderung hier war einerseits, sowohl die Gesangsstellen meiner Ensembleposition als auch die Herberts zu singen, andererseits, andere Wege als gewöhnlich zu gehen, um beide Positionen zu füllen. Ich kann sagen, dass ich unfassbar nervös war, irgendwas zu vergessen oder irgendwo im Weg zu stehen, weil dieser spezielle Fall so natürlich nicht umfangreich geprobt werden konnte. Aber zum Glück ist es soweit gut gegangen.

Siehst Du es mehr als Genuss, dass Du so verschiedene Rollen verkörpern darfst oder ist es mehr ein Fluch so viele Texte und Choreographien im Kopf herumschwirren zu haben?

Definitiv ein großer Genuss! Ich bin froh um die Abwechslung und die vielen verschiedenen Herausforderungen. Das Beste daran ist, dass die Rollen so wahnsinnig unterschiedlich sind und ich sowohl gesanglich als auch vor allem darstellerisch so viele verschiedenen Facetten von mir einbringen kann.

Das Jahr 2018 neigt sich mit rasanter Geschwindigkeit dem Ende entgegen. Wenn Du auf das Jahr zurückblickst, was war für dich ein ganz besonderer oder sogar der besonderste Moment in Bezug auf deine Arbeit als Musicaldarsteller?

Ich kann es gar nicht auf einen Moment reduzieren, weil ich dann ganz viele andere Momente herabstufen würde. IMG_6561Das Schönste an der Arbeit als Musicaldarsteller für mich sind — so kitschig es auch klingen mag — die Begegnungen mit tollen Kollegen. Ich bin sehr froh, dass ich bisher aus jeder Produktion, die ich machen durfte, Freunde mitgenommen habe, mit denen ich Kontakt halte und die mich auf meinem Weg begleiten und die ich auf ihrem Weg begleite. Außerdem bin ich froh, wie viele Freunde und Familienmitglieder keinen auch noch so weiten Weg scheuen, um sich Aufführungen anzusehen. Das ist ein großes Geschenk für mich und auch immer wieder ein besonderer Moment.

Kennt Ihr schon mein Interview mit Lukas als Hedwig? Hier geht es zum Interview.

Und die, die Lukas weiteren Weg gerne mitverfolgen möchten, kommen hier zu seinem Instagram-Account und seiner Facebookseite.

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