Interview mit Michael Kargus – Hauptdarsteller bei Hedwig And The Angry Inch

Als Musicalfan hat man mittlerweile vermutlich schon mal von dem Musical Hedwig gehört. Vielleicht hat es der ein oder andere auch schon gesehen. Entweder mit Andreas Bieber als Hedwig in Kassel im Sommer 2017, in Linz mit Riccardo Greco oder sogar eine der Shows in Frankfurt. Michael Kargus schlüpft seit September 2017 regelmäßig in diese ganz besondere Rolle. Der ein oder andere hat ihn vielleicht schon als Hedwig in Frankfurt gesehen oder in Berlin als Conférencier in Cabaret, wo er lange zu sehen war. Vielleicht habt Ihr aber auch ohne es zu wissen seine Stimme in einem Film gehört.

Nach den Shows in Frankfurt, geht es mit Hedwig jetzt noch auf Tour – erst nach Berlin und dann nach Köln. Doch wer steckt eigentlich unter der blonden Perücke? Und wie kommt man(n) darauf eine solche Rolle spielen zu wollen? Michael Kargus stand mir Rede und Antwort. Herausgekommen ist ein tolles Interview. Viel Spaß beim Lesen!

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Du bist ja nicht nur als Musicaldarsteller aktiv, sondern hast auch noch andere Projekte als Sprecher und Synchronschauspieler. Wusstest du schon während deiner Ausbildung, dass du verschiedene Sachen machen und ausprobieren möchtest?

Als Synchronsprecher bin ich erst seit gut einem Jahr tätig.Michael Kargus 03a Ich hatte in meiner Ausbildung zum Musicaldarsteller zwar bereits im Rahmen des Sprechunterrichtes Kontakt mit dem Mikrofon, aber erst durch meine Ausbildung an der „Akademie für Professionelles Sprechen“ in Berlin haben sich die Möglichkeiten für mich bei den Studios anzuklopfen ergeben. Das Interesse auch als Sprecher zu arbeiten bestand zwar schon länger, aber die Zeit war nie wirklich da. Erst als ich mich bewusst dafür entschieden hatte, weniger Engagements anzunehmen, um dadurch präsenter in Berlin sein zu können, hat sich dieses Berufsfeld eröffnet. Dennoch möchte ich es nicht missen auf der Bühne zu stehen, auch wenn ich es liebe, einem animierten Goldfisch mit Strickmütze meine Stimme zu verleihen.

Du warst schon bei großen Produktionen wie Wicked  in Stuttgart dabei und auch bei kleineren wie aktuell Hedwig. Was gefällt Dir besser?

Die großen Produktionen sind schon sehr spektakulär und beeindruckend und bieten, aufgrund der längeren Vertragslaufzeiten, häufig auch ein bisschen mehr Sicherheit. Dennoch muss man sich bewusstmachen, dass man ein Teil einer riesigen Maschinerie ist und eine Show achtmal in der Woche zu spielen, und dies über den Zeitraum von einem Jahr, ist eine Herausforderung. Dabei bleibt das Privatleben oftmals auf der Strecke und die Gefahr in der Routine zu versumpfen ist ziemlich groß. Bei den kleineren Produktionen, wie „Hedwig“ eine ist, kann man sich auf jeden Fall mehr einbringen, die Individualität eines Darstellers rückt verstärkt in den Fokus. Dadurch entsteht ein Dialog zwischen der Regie und dem Darsteller und das gefällt mir persönlich sehr gut, denn nur so kann gutes Theater stattfinden. Ich will ja nicht unbedingt immer sagen, wie wir etwas machen, ich will nur immer verstehen, warum wir es so machen.

Wann hattest du deine ersten Berührungspunkte mit dem Musical Hedwig?

Christoph Marti von den Geschwistern Pfister rief mich an und sagte mir, dass man noch eine „Hedwig“ suchen würde und er hätte meinen Namen ins Spiel gebracht. Das war der Augenblick, in dem ich mich zum ersten Mal mit dem Stück beschäftigt, sprich, mir die Musik angehört habe. Bis dato kannte ich nur das Filmplakat, eine schreiende Blondine mit zu viel Make-up, und hatte eine völlig falsche Vorstellung von diesem Musical. Viele glauben immer, ging mir ebenso, es würde viel geschrien, gerockt, es wäre laut, derbe, aggressiv. Falsch. Es wird viel geschrien, gerockt, es ist laut, derbe und aggressiv, aber es hat auch unglaublich leise und zarte Momente, ist wahnsinnig ergreifend und zerbrechlich, mit einer Vielfalt verschiedenster Musikstile.

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Viele kennen Hedwig nicht. Kannst du kurz erklären – natürlich ohne zu viel zu verraten – worum es in diesem Musical geht?

Der Zuschauer ist genau das, was er in diesem Moment ist, Zuschauer bei einem Konzert von Hedwig. Sie gibt, in Begleitung ihrer Band „The Angry Inch“ und ihres Mannes Yitzhak, ein Konzert und plaudert über ihr Leben. Ein Leben als Rockdiva nach einer verunglückten Geschlechtsumwandlung, einer gescheiterten Ehe, einer verlorenen Liebe. Und während dieses Konzerts bröckelt auf einmal die Fassade dieser Kunstfigur und wir erkennen mehr und mehr den Menschen darunter, verstehen ihre Beweggründe, ihr Handeln, und müssen, jeder für sich selbst, entscheiden, wie wir uns dazu positionieren.
Der Zuschauer wird es schwer haben diese Entscheidung zu treffen, ob er Hedwig nun mag oder nicht, denn er kann sich mit ihrer Geschichte nicht identifizieren, wird sich aber dennoch darin wiederfinden.

Was hat dich an der Rolle Hedwig gereizt?

Hedwig ist eine Traumrolle. Warum? Weil Hedwig emotional all das durchmacht, was ansonsten den Frauenrollen vorbehalten bleibt. Wir Männer sind, ich spreche jetzt nur von der Musicalliteratur, der starke, schöne Held mit der tollen Ballade oder der kleine, skurrile Typ mit dem lustigen Lied. Es sind zumeist die Frauenrollen, die eine Bandbreite von Gefühlen spielen dürfen. So auch Hedwig. Sie ist irrsinnig komisch, wild, stark und aggressiv, aber auch unfassbar traurig, gefühlvoll und verletzlich. Und das alles spielen zu dürfen ist natürlich ein Geschenk. Außerdem habe ich lange blonde Locken, was will man mehr?

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Warum sollte man sich Hedwig unbedingt anschauen? Und was erwartet die Besucher bei dieser Show?

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Weil Hedwig einen mit auf eine Reise nimmt. Eine Reise, die sehr seicht, lustig und unterhaltsam beginnt und dann tiefgründiger wird und an Ängsten und Sehnsüchten kratzt, die in jedem von uns stecken. Und plötzlich erkennt man, dass diese abstruse Lebensgeschichte von Hedwig bei jedem zu finden ist und man damit nicht alleine ist, wenn es um Ängste geht, wie nicht geliebt zu werden, abgelehnt zu sein oder nicht dazugehören zu können. Hedwig tut zwar hier und da etwas weh, aber Liebe tut das eben auch manchmal. Und darum geht es schließlich, um Liebe zu sich selbst. Und außerdem ist sie auch unglaublich witzig und hat diese tollen blonden Locken.

Wer Hedwig schon mal gesehen hat weiß, wie unfassbar anstrengend die Show für Dich als Hauptdarsteller ist. Wie regenerierst Du dich nach der Show?

Die Show ist als Darsteller eine Nahtoderfahrung. Selten so geschwitzt, selten so viel Text gehabt oder Lieder gesungen, selten so viel geschrien. Das ganze ohne Pause und ohne ein einziges Mal abzugehen. Irre.
Danach heißt es einfach die Klappe halten, brav nach Hause auf die Couch, Abendessen, ab ins Bett. Diese Rolle gehört eben zu den Rollen, die dich den ganzen Tag begleiten.

Wirst du Hedwig vermissen, wenn die letzte Show gespielt ist?

Ich werde sie auf jeden Fall vermissen, wenn sie denn mal gehen muss, aber ich bin noch lange nicht dazu bereit, sie einfach so abhauen zu lassen. So lange Hedwig noch jemanden findet der ihr zuhört, wird sie auch ihre Geschichte erzählen. Und man sollte ihr auch besser zuhören.

Noch ein weiteres interessantes Interview mit Michael findet Ihr hier.

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