Kinky Boots im Stage Operettenhaus in Hamburg

Hamburg meine Perle – oder wie es seit dem Wochenende wohl eher heißen sollte: Hamburg meine rote Glitzerpaillette! Am Sonntag war die Premiere der deutschen Erstaufführung von Kinky Boots und am Abend zuvor hatten bereits Medien- und Pressevertreter die Chance das Stück nach den ersten gespielten Previews zu erleben. Auch ich durfte dabei sein und mich von Charlie und Lola entführen lassen. Ich war wirklich sehr gespannt, da ich eher zu den Skeptikern zählte. Ich war nicht skeptisch dem Stück gegenüber, das hatte ich bereits in London gesehen und fand es großartig. Ich war skeptisch, ob dieses Stück in Deutschland funktionieren kann. Ob wir in Deutschland Darsteller haben, die eine Lola spielen können und die, die Angels authentisch verkörpern.

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Und was soll ich sagen: Schmeißt alle Eure Zweifel, Eure Skepsis, Euer deutsches Nörgel-Gen über Bord! Die deutsche Kinky Boots Inszenierung zeigt, dass dieses Stück auch mit deutschen Texten, mit (mehr oder weniger) deutschen Darstellern und in einem deutschen Theater wunderbar funktioniert. Der Standort des Theaters – direkt an der Reeperbahn – ist natürlich mehr als passend gewählt. Denn dort tummelt sich die ein oder andere Drag-Queen und andere, die durch ihre Einzigartigkeit in der breiten Masse anecken.

Bei dieser Inszenierung zeigt Stage, dass sie (eigentlich) casten können. Die Besetzungen sind bis in die kleinste Rolle perfekt und man spürt, dass die Darsteller ihre Rollen leben und alles, was sie haben, hineinstecken.

Stage Entertainment - KINKY BOOTS

Gino Emnes als Lola ist eine absolute Wucht und kann absolut mit der West-End-Lola mithalten. Ich hatte ihn zuvor noch nicht in einer Show erlebt und war einfach nur begeistert. Er spielt Lola nicht, er verkörpert sie bis aufs Blut. Auch der Wechsel von Lola zu Simon gelingt ihm mit Leichtigkeit. Sein ganze Mimik, seine Körperhaltung sowie seine Sprache und Stimme verändern sich mit dem Schuhwechsel. Und dabei sieht er auch noch großartig aus! Auch in den Gesangsparts brilliert er. Er singt nicht nur immer die richtigen Töne, sondern schafft es auch die Botschaften und Emotionen zu transportieren. Bereits nach seinem ersten Auftritt hatte er alle Herzen im Publikum im Sturm erobert.

Dominik Hees als Charlie steht seinem Spielpartner in nichts nach. Insbesondere in seinen großen, emotionalen Soli konnte er mich wirklich begeistern. Die verschiedenen Phasen von Charlie durchlebt er auf der Bühne sehr intensiv und authentisch. Lediglich am Anfang kam er mir (ich vermute durch seine Körperhaltung) schon etwas zu selbstbewusst vor.

Charlies Freundin Nicola wird in Hamburg von Franziska Schuster verkörpert. Sie spielt die leicht zickige und nach größerem als die Vorstadt Provinz strebende Verlobte überzeugend und schafft es auch eine sensible und verletzliche Seite dieses Charakters zum Vorschein zu bringen.

Eine weitere absolut großartige Besetzung ist Jeannine Wacker als Lauren. Was für ein schauspielerisches Talent, was für ein Gespür für Komik und was für eine tolle Stimme. Noch lange bevor sie Charlies Herz erobern konnte, hatte sie bereits das ganze Publikum verzaubert. Spätestens beim Song ,,Die Liste falscher Kerle“ konnten sich wohl viele mit ihr identifizeren.

Die Rolle von Don wurde von Benjamin Eberling verkörpert. Auch hier eine weitere perfekte Besetzung. Diese Rolle hat zeitweise im Stück so gut wie keine Bedeutung und ist jedoch die, die die Botschaft des Stücks dem Publikum auf einem Silberteller serviert. Benjamin Eberling spielt und kostet diese Schlüsselmomente komplett aus und verkörpert Don unfassbar authentisch.

 

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Kommen wir nun zu Lolas Angels. Bereits während der Probenzeit habe ich schon einigen Darstellern auf Instagram gefolgt und wenn ich dort etwas mitgenommen habe, dann dass die Angels ihre Rollen komplett leben. Nicht nur, wenn sie auf der Bühne sind, sondern in ihrem kompletten (Proben)alltag. Und das spürt man auch auf der Bühne. Insbesondere Clayton Sia, den ich bereits als Terk in Tarzan erleben durfte, möchte ich hier erwähnen. Er hat als Referee (Schiedsrichter beim Boxkampf) eine Wahnsinns-Performance abgelegt. Er ist übrigens auch Cover für Lola  😉

Wer die englischen Texte kennt, wird sich vermutlich fragen, ob man sich die deutsche Texte „antun“ kann. Sicher gehen die englischen Texte etwas geschmeidiger ins Ohr…,,Sex is in the heel“ klingt schon besser als ,,So’n sexy hohes Teil„. Aber ich finde bei der Übersetzung ist ebenfalls ein guter Job gemacht worden. Ich persönlich habe auch gemerkt, dass ich viel mehr „Botschaft“ mitgenommen habe als damals in London, weil es natürlich einfacher ist diese in der Muttersprache zu verstehen. Und dass diese Botschaft auch im Publikum angekommen ist, hat man deutlich gespürt. Die Lieder haben auch kein bisschen an ihrer Energie verloren und das Publikum klatschte zeitweise sogar euphorisch mit.

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Mein Fazit ist also rundherum positiv. Ich war wirklich überrascht, wurde komplett mitgenommen und war bereits in der Pause völlig euphorisiert. Ich kann es Euch wirklich nur empfehlen Euch diese Show nicht entgehen lassen. Und ich hoffe sehr, dass auch die breite Masse ihren Weg ins Operettenhaus finden wird und dieses Stück aufgrund einer langweilig scheinenden Geschichte und einem nicht sofort zu verstehenden Titel nicht zum Flop wird. Denn diese Inszenierung, die Darsteller und die komplette Show sind einfach top!

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