La Cage aux Folles in Dresden – Ein Gastbeitrag

Irgendwie hatten wir es verpasst für La Cage aux Folles nach Salzburg zu fahren. Irgendwann wurde uns klar, dass wir da wohl was versäumt haben. Irgendwo lasen wir dann die Ankündigung, dass die Staatsoperette Dresden in Co-Produktion mit dem Salzburger Landestheater das Stück aufführen würde.  Und nicht nur das – es sollte
auch noch die Salzburg-Besetzung Uwe Kröger und Dieter Landuris dabei sein.
Also begann wieder das übliche: Termin suchen, Tickets bestellen, Hotel reservieren und ganz, ganz doll freuen.

Und dann auf einmal die Erkenntnis: Miri kann nicht mit. Miri muss tanzen. Und so kommt es auch, dass das hier heute nicht Miriam schreibt, sondern als Gastschreiberling für ihren Blog die besagte Patentante. Zu viert, statt zu fünft, machten wir uns also auf nach Dresden um uns zwei Vorstellungen von La Cage aux Folles anzusehen.

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Die Staatsoperette Dresden wird in diesem Jahr in ein neues Haus umziehen und das ist auch gut so. Versprüht das alte Haus doch eher das sprödes Ambiente eines vergangenen politischen Systems. Trotz der spartanischen Ausstattung zeigt die Staatsoperette Dresden jedoch, wie man hört, ein durchweg qualitativ hochwertiges und bunt durchmischtes Programm.

Ich hatte La Cage aux Folles vorher noch nie gesehen, kannte nur den Film, war aber mit der Handlung soweit vertraut: Homosexuelles Paar führt einen erfolgreichen Travestieclub an der Côte d‘Azur – der eine hat einen Sohn, den die beiden gemeinsam groß gezogen haben. Dieser Sohn will nun heiraten und will den künftigen, erzkonservativen Schwiegereltern gern ein normales Elternpaar vorzeigen und bittet den Vater daher, den exzentrischen Lebenspartner, Star der Travestie-Revue, für die Dauer des Aufenthaltes der Brauteltern auszuquartieren und die Wohnung etwas weniger auffällig zu dekorieren. Das kann und muss natürlich gehörig daneben gehen.

Das Stück beginnt mit einem Blick auf die Eröffnungsszene der Travestieshow und zieht einen sofort in seinen Bann. Das Orchester spielt schwungvoll auf, engagiert geleitet von Christian Garbosnik. Das Ensemble zeigt sich durch die Bank spielfreudig und man ist zunächst schier erschlagen von der Menge der Mitwirkenden, die die Les Cagelles darstellen. Man denkt immer, jetzt kommt sicher der letzte der Herren-Damen, aber die Bühne füllt sich und füllt sich bis es überall bunt und glitzernd ist. Fantastische, opulente Kostüme und jede einzelne Rolle für mein Empfinden perfekt besetzt. Besonders ins Auge, oder besser ins Ohr, fiel mir dabei Marcus Günzel als Chantal, der mit völliger Leichtigkeit einen astreinen Sopran sang.

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Das Bühnenbild besteht aus einer Drehbühne, die zwischen der Bühne des Travestieclubs und dem Wohnzimmer von Albin und George wechselt. Sie ermöglicht es den Darstellern durch eine Verbindungstür zwischen der Hinterbühne des Clubs und dem Haus hin- und herzugehen.

Jean-Michel, Georges Sohn aus einer Liaison mit einer Tänzerin des Lido, wurde von Jannik Harneit verkörpert, der wunderbar vermittelte, dass man mit der Leichtigkeit der jungen Liebe auch schon mal kopflos in eine Dummheit rasseln kann. Gesanglich konnte er an beiden Abenden voll überzeugen und ich denke, dass man ihn künftig sicher noch in anderen Produktionen erleben wird.

Seine Verlobte Anne, dargestellt von Jeannette Oswald, trat zunächst etwas zurückhaltend auf, was ihr dann natürlich die Chance gab, sich im entscheidenden Moment selbstbewusst gegen ihre Eltern und auf die Seite von Jean-Michel und seiner Familie zu stellen.

Als eine meiner Lieblingsfiguren hat sich Albins Zofe Jacob, gespielt von Bryan Rothfuss, herauskristallisiert. Herrlich überdreht tut er alles um seinem großen Traum, die Showtreppe der Revue heruntergehen zu können, näher zu kommen. Am Ende wird es dann doch nichts mit der großen Karriere als Travestiestar, weil eben doch mehr dazu gehört als im hellen Licht zu stehen.

Dieter Landuris (dem ein oder anderen auch vom TV als Privatermittler Uli Fichte in Alles außer Mord bekannt) gibt den Nachtclubbesitzer und Conferencier George, der sehr überzeugend zwischen seiner großen Liebe Albin und dem Wunsch seines Sohnes nach einem einzigen normalen Tag steht und der es so gern den beiden Menschen, die er am meisten liebt, recht machen würde.

LaCage_02In der Rolle des Albin, der als Revuestar Zaza im Club auftritt, erlebt man Uwe Kröger. In den letzten Jahren wegen seiner stimmlichen Probleme von vielen, wie auch von mir, kritisiert, gab es an beiden Abenden wirklich nichts auszusetzen. Man mag die Art, wie er singt vielleicht nicht unbedingt, aber dass er eine Bühnenpräsenz hat, die so ein kleines Theater fast sprengt, bleibt wohl unumstritten. Bei ihm sitzt jede Geste, jeder Blick. Uwe IST Albin, Albin IST Zaza.
Atemberaubend war der Moment, in dem Albin versteht, dass er als Individuum nicht erwünscht ist. Diese Erkenntnis trifft ihn nicht nur ins Herz, sondern bis tief in die Seele und mit diesem Gefühl begleitet uns Zaza in das wohl bekannteste Lied des Stückes: Ich bin was ich bin. Er bittet die Cagelles, ihn auf der Bühne allein zu lassen und singt diese Hymne. Und er legt alles Leid hinein und mit jeder Strophe mehr wird das Lied zu einem Befreiungsschlag: seht mich nur an, akzeptiert dann – ich bin, was ich bin!

Es ist ein bisschen erschreckend, wie aktuell das Thema des Stückes auch in der heutigen Zeit noch ist. Aber vielleicht ist ja doch der ein oder andere mit dem Gedanken nach Hause gegangen, künftig denen, die „anders“ sind mit ein bisschen mehr Toleranz gegenüber zu treten.

Natürlich hab ich auch wieder etwas gefunden, das mir überhaupt nicht gefallen hat und das war eine Alleinszene von Zaza, die in Aktion mit dem Publikum tritt.
Ich weiß nicht, ob es nicht besser gewesen wäre, die angestaubten Witze (ich sagte zu meinem Spiegelbild: ich kenn dich nicht aber ich wasch dich trotzdem – meine Dame haben sie die Ringe von ihm? Ich meine nicht die an ihrer Hand sondern die unter den Augen) zu aktualisieren?
Oder muss ich das doch so verstehen, dass uns hier eine Geschichte erzählt wird, die lange her ist und damals hat Zaza eben diese Witze erzählt? Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr hätte ich mir, ungeachtet der Betrachtungsweise, etwas Neues-Unbekanntes gewünscht.

„Aber ich plaudere und plaudere hier – deshalb ess ich ja auch so gern Makkaroni, da kann ich durch die Löcher noch weiter quasseln“ – kommen wir zu meinem
Fazit des Abends: das ist ein absolut sehenswertes Stück. Man bekommt einen sehr unterhaltsamen Abend mit einer Portion zum Nachdenken serviert und das Ganze in einer sehr stimmigen Inszenierung.

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