Musicals im Wandel der Zeit – zwischen Vergangenheit und Zukunft im Hier und Jetzt – ein Interview mit Andreas Luketa (Teil 1)

LuketaAndreas Luketa – ein Name, eine Person, um die man als Musicalbegeisterter in Deutschland nicht umher kommt. Sei es durch Bestellungen von CDs bei soundofmusic, bei Besuchen der soundofmusic-Konzerte oder beim Lesen der Postings der Jan Ammann Facebook-Fanpage. Als Geschäftsführer der soundofmusic GmbH ist er nicht mehr nur Inhaber des Musicalfachgeschäfts in Essen, sondern auch erfolgreicher Konzertveranstalter und Manager. Drei auf den ersten Blick unterschiedliche Berufsbilder, die in der Leidenschaft für das Genre Musical zusammenfinden. Eine interessante Persönlichkeit, die vermutlich mehr als jeder andere, und vor allem mehr als ich, über das Thema Musical weiß und erzählen kann.

Daher kam mir die Idee ein Interview mit Andreas Luketa zu führen und auf meine Anfrage folgte auch prompt eine Zusage. 2,5 Stunden durfte ich mit ihm in die Welt der Musicals eintauchen – in die Anfänge, die aktuelle Situation und gemeinsam wagten wir einen Blick in die Zukunft. Entstanden ist ein dreiteiliges Interview – und hier ist der erste Teil!

Andreas Luketa nahm mich mit in eine Zeit, die ich selber nicht miterlebt habe. Er erzählte mir von den Anfängen des Musicals in Deutschland. Wie auch bei mir (nur einige Jahre zuvor) begann auch bei ihm alles mit Starlight Express. Starlight Express war 1988 die erste große Musicalproduktion in Deutschland. Begeistert von der Show ging es für ihn mit einem Musicalclub, der sich in Essen gegründet hatte, mehrere Male nach London. Doch mehr und mehr Musicals kamen nach Deutschland. „Das war natürlich ganz spannend. Plötzlich sind die großen Bühnenerfolge aus London und New York als kommerzielles Musiktheater nach Deutschland gekommen. Das Genre Musical rückte plötzlich in den Fokus eines breiteren Publikums. Wir hatten große Hoffnung, dass dies beibehalten bleibt und funktioniert,“ erzählte er mir. Doch das neue Genre Musical sollte es in Deutschland nicht leicht haben. Feuilletonisten und Journalisten behandelten das so junge Genre sehr voreingenommen. Wurden Long-Run-Produktionen eingestellt, wurde über einen Flop gespottet und das Vorurteil Musicaldarsteller könnten von allem nur bisschen, aber weder richtig schauspielern, singen noch tanzen, hält sich wacker bis in die heutige Zeit. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht erinnert sich Andreas Luketa jedoch an die TV-Show „Des Broadways liebstes Kind“. Eine Fernsehsendung von Peter Weck, die einmal im Jahr Ausschnitte aus Musicals vom Broadway zeigte und über den Tony Award berichtete. „Ich werde es nie vergessen wie ich vor dem Fernseher saß und plötzlich präsentierte Peter Weck ein Musical, das Les Miserables hieß. Und es war großartig! Ich war gefesselt von den Songs und mein Herz war berührt“, schwelgt Herr Luketa in Erinnerungen. Die entfachte Begeisterung forderte mehr Informationen. Doch in Zeiten, in denen es noch kein Internet gab, war es schwierig an diese zu kommen. Die Fachzeitschrift Musical gab es zu der Zeit schon, versorgte die Musicalbegeisterten in Deutschland alle zwei Monate mit allen Informationen und wurde schnell zur Bibel für die Fans. Doch insbesondere die Musik konnte die Zeitschrift einem nicht ins Haus holen. Und so entstand bei Andreas Luketa die Idee einen Musicalversand zu gründen…

Meine Generation ist mit dem Internet groß geworden. Ein Klick und die gewünschte CD ist in wenigen Tagen in meinem Briefkasten. Wie kann ich mir also die Bestellung 1993 bei soundofmusic vorstellen?

Wir brachten einmal im Jahr einen Katalog raus – den ersten 1994. Das war für die Musicalfans ein richtiges Abenteuer. Plötzlich konnten sie sehen, was es alles gibt. In den Katalog haben wir auch kleine Specials eingefügt, wie beispielsweise den Starcheck. Die einzelnen Aufnahmen wurden nach Künstlern sortiert und gaben den Fans einen Überblick darüber auf welchen CDs ihr Star zu hören war. Die Kataloge wurden ergänzt durch Neuheiten-Listen, die wir monatlich an unsere Kunden verschickten. Die Kunden konnten dann ganz klassisch über den Postweg bestellen. Im Katalog war ein Bestellschein beigelegt, der uns dann ausgefüllt zugeschickt wurde. Wir haben uns dann um die Bestellung gekümmert, was auch schon mal etwas länger dauern konnte. Die CDs haben wir dann an unseren Kunden nach Hause geschickt.

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Und wie sind Sie an die beliebten CDs gekommen?

Wir haben Kontakte geknüpft.  Beispielsweise zu den Plattenfirmen, den Theatern oder auch Darstellern. Aber wir hatten auch ganz abenteuerliche Kontakte. Unter anderem haben wir Leute in Japan kontaktiert, die für uns die DVDs in den Theatern besorgten, weil dort bis heute kein Versand angeboten wird. Und diese Kontakte bestehen sogar noch bis heute! Wir haben wirklich Gott und die Welt mobilisiert! Und parallel dazu haben wir auch die Not zur Tugend gemacht und unser eigenes Label gegründet – soundofmusic-Records und angefangen unsere eigenen CDs zu produzieren.

 Für Sie ist also Musical sehr schnell zu einem Geschäft geworden. Würden Sie sagen, dass Sie sich heute Musicals aus einer anderen Sicht oder Perspektive anschauen als damals als reiner Fan und Begeisterter des Genres?

Im klassischen Sinne bin ich kein Musicalfan mehr. Je mehr man hinter die Kulissen blickt – egal in welchem Bereich – desto realistischer betrachtet man die Dinge. Fan sein hat immer etwas mit Verklärung zu tun. Und wenn man in diesem Bereich arbeitet und es weiterhin verklärt, hat man, meiner Meinung nach, keine Chance erfolgreich zu sein. Aber, auch wenn ich jetzt kein MusicalFAN mehr bin, schaue ich mir nach wie vor gerne Musicals an. Ich sehe es so: Auch wenn ich viele Musicaldarsteller in Deutschland persönlich kenne, wenn sie auf der Bühne sind und einen guten Job machen und ich vergesse, dass ich sie kenne, dann ist alles super. Dann hat es funktioniert. Und das gelingt mir fast immer. Ich möchte in einem Musical nicht Herrn X oder Frau Y sehen, sondern den Charakter, der gespielt wird. Daher hindert mich mein Geschäft nicht daran Musicals zu genießen und sie mir immer wieder mit großer Freude anzuschauen. Das Fansein habe ich 1994 verloren, als wir unseren ersten Katalog gedruckt haben und es plötzlich zu einem Geschäft wurde. Aber meine Leidenschaft habe ich nie verloren.

Sie haben erzählt, dass Sie nach wie vor auch sehr gerne Musicals in London schauen. Wenn Sie Musical in Deutschland und in England vergleichen, welche Vor- und Nachteile sehen Sie? Und welche Schwierigkeiten in Deutschland?

Generell empfinde ich es so, dass in Großbritannien und in den USA eine Güte auf der Bühne gezeigt wird, die ich in dieser Form in Deutschland oftmals vermisse. Es mag damit zusammenhängen, dass in Deutschland sowohl im Stadttheaterbereich als auch bei Long-Run-Produktionen immer ein Kompromiss eingegangen werden muss. Bei Stadttheater-Produktionen geht man den Kompromiss ein, dass man ein festes Ensemble hat. Und dieses Ensemble oder auch den Opernchor bei Produktionen mit einbinden muss. Oftmals werden dann Rollen bzw. das Ensemble mit Darstellern besetzt, die nicht unbedingt für die einzelnen Parts prädestiniert sind. Es gibt zwar einen bestimmten Etat für Gäste, aber wenn dieser Etat ausgeschöpft ist, muss man mit dem festen Ensemble arbeiten.

Der Kompromiss den Großproduktionen eingehen ist, dass sie immer sehr aufs Etat gucken müssen. Und dadurch rücken budgetäre Aspekte mehr in den Fokus als die Qualität. Ich beobachte in letzter Zeit immer wieder ein Phänomen, das wir bereits aus den Anfängen des Musicals in Deutschland kennen: Es stehen Darsteller auf der Bühne, die einen starken Akzent haben. Und als Zuschauer stellt man sich die Frage, warum? Warum muss ich mir jemanden anhören, den ich kaum verstehe? Und bei dem ich das Gefühl habe, dass er selber kaum ein Wort, von dem was er singt oder spricht versteht. Diese Problematik möchte ich nicht verallgemeinern, aber doch betrifft sie einige Produktionen in Deutschland und das ärgert mich sehr.

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In London scheint es diese Probleme nicht zu geben, da ich es dort bisher immer so erlebt habe, dass die Produktion bis auf die kleinste Rolle ideal besetzt waren. Und dadurch entsteht einfach die perfekte Illusion.

Geht man in ein Theaterstück und wird bereits in den ersten Sekunden von den Darstellern auf eine Reise in eine andere Welt mitgenommen, taucht man komplett in diese Welt ab. Sitzt man aber in Deutschland in so mancher Groß- oder Tournee-Produktion, dann stört einen das und dann stört einen dies und dann stolpert man darüber, dann ist die Illusion nicht perfekt und man kann nicht zu hundert Prozent in diese Welt eintauchen.

Wo wir gerade beim Thema London sind. Im Dezember kommt Kinky Boots nach Hamburg. Ein Stück, was unter anderem am West End hervorragend funktioniert hat. Wie schätzen Sie die Chancen dieses Stücks in Deutschland ein?

Ich habe Kinky Boots in London gesehen und es sehr gemocht. Auch ich habe mir damals die Frage gestellt, ob es in Deutschland funktionieren würde und war mir sehr unsicher. In Amerika und England kennt jeder den Begriff „Kinky“. Den Begriff kennt man hier in Deutschland nicht. Man weiß also gar nicht, was der Titel bedeutet. Und ich empfinde es als schwierig ein Musical auf die Bühne zu bringen, bei dem das potentielle Publikum nicht weiß, was der Titel aussagen soll. Zudem war der gleichnamige Film in den englischsprachigen Ländern ein großer Erfolg, während ihn hier zu Lande wohl kaum einer kennt.

Wenn man aber ein gutes Marketing für diese Produktion macht und vor allem wenn man eine hervorragende Cast hat, kann auch dieses Stück in Deutschland funktionieren. Es muss auch viel über Mundpropaganda laufen. Durch Zuschauer, die von der Show berührt worden sind und Empfehlungen aussprechen.

Denn die Show ist nicht nur ausgeflippt und verrückt, sondern sie hat ja auch eine Message. Es ist für mich eines der Musicals, welches am ernsthaftesten mit der Thematik Homosexualität und Akzeptanz von gleichgeschlechtlich liebenden Menschen umgeht. Und es hat mich wirklich sehr berührt. Ich glaube es ist eine Herausforderung. Aber das Produkt ist toll und jetzt liegt es einfach daran, dass gutes Marketing gemacht wird. Ich würde es der Show von ganzem Herzen wünschen, aber ich glaube auch, dass es eine harte Arbeit wird.

Wenn Sie 10 Jahre in die Zukunft reisen könnten. Was würde Sie da musicalmäßig erwarten bzw. was würden Sie sich erhoffen?

Was ich mir wünschen würde, wäre dass es gute original deutschsprachige Musicals gibt. Für mich persönlich zählt zu der Königsgarde der original uraufgeführten deutschsprachigen Musicals „Elisabeth“ und als neueres Stück „Das Wunder von Bern“. Es gab auch in den Stadttheaterbereichen viele Uraufführungen, die spannend und ambitioniert waren, die aber als Großproduktionen nicht funktionieren würden.

Meine Hoffnung ist, dass es nicht nur im Stadttheater- und Kleintheaterbereich eine Entwicklung dahingehend gibt eigene Produktionen und eigene Stoffe zu schreiben und diese mit viel Erfolg dem Publikum zu präsentieren. Sondern, dass auch die Großproduktionen und die Veranstalter, die in Deutschland das große Musical bewegen, mehr Mut dazu haben eigene Stoffe zu entwickeln. Und da spreche ich nicht nur von Compilation-Shows – dies ist natürlich der einfachere Weg. Es gibt auch ganz viele spannende Stoffe in Deutschland, die jeder Deutsche kennt, aus denen es sich lohnen würde ein Musical zu machen. Ich hoffe, dass ich in 10 Jahren den Mut, den ich heute auf den kleinen Bühnen finde, auch auf den großen Bühnen entdecke

 

 

Hier findest Du den zweiten und dritten Teil der Interviewreihe:

Zweiter Teil: MIT LEIDENSCHAFT UND LOGISTIK ZUM PERFEKTEN MUSICALKONZERT

Dritter Teil: ZWISCHEN ILLUSIONEN VON FANS UND DEM KOMPLIZIERTEN LEBEN DER DARSTELLER

2 Gedanken zu “Musicals im Wandel der Zeit – zwischen Vergangenheit und Zukunft im Hier und Jetzt – ein Interview mit Andreas Luketa (Teil 1)

  1. Michael schreibt:

    Ein wunderbarer erster Teil eines Intervies. Und ich als Darsteller pflichte dem bei, was Herr Luketa bezüglich der Produktionen sagt. Im Gegensatz zu New York und London fehlt hier wirklich sehr oft die Illusion. Sei es durch starke Akzente oder auch durch „eingedeutschte“ Regie. Ein Beispiel: eine Kollegin hat seinerzeit für Hairspray vorgesungen und man hat ihr dort gesagt, sie solle den Twang doch bitte weglassen. Eine Travy Turnblad LEBT durch ihre Art zu singen. Hier wird oft zu glatt gesungen. Mir passiere das selbe bei einer Audition für die Rolle des Lumiere. Ich sollte ihn ganz straight singen. Jeder, aber wirklich jeder des Disneys Schöne und das Biest kennt, weiß wie ein Lumiere zu klingen hat. Leider wird das hier bei uns im Lande einfach nicht gern gesehen. Ich habe vorhin Alladdin gehört und war traurig, weil auch das wieder viel zu glatt klang. Keine Frage, die Darsteller machen alle einen tollen Job, aber ich würde mir mehr Mut von den Regisseuren und MD wünschen. Und Rollen wirklich leben lassen. Sei es Crazy, oder was auch immer. Einige wenige haben das Glück, dass sie dies auf der Bühne ausleben dürfen. Dazu zählt zB Chris Murray.

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