Premiere von Les Miserables in Tecklenburg

Es kam mir vor als wäre es erst ein paar Tage her. Nach einer sehr emotionalen Rebecca-Premiere kam Herr Beuleke auf die Bühne und verkündete stolz, dass im kommenden Jahr Les Miserables auf dem Programm der Tecklenburger Freichlichtspiele stehen würde. In diesem Moment war ich sicherlich nicht die einzige, die sich eine Notiz im Oberstübchen machte sich  den Termin für die Premiere 2018 ganz dick im Kalender anzustreichen. Zum Kartenvorverkaufsstart konnten nur die Besetzungen für ein paar der Hauptrollen bekanntgegeben werden, da alles im engen Austausch mit den Lizenzgebern in London festgelegt und besetzt wurde. Als die Besetzung dann final war, fand man Darsteller, die gesetzte Größen in Tecklenburg sind. Andere, die man in den letzten Jahren in Tecklenburg auf der Bühne erleben durfte, fehlten.  Und wiederum andere kehrten nach einigen Jahren Abstinenz nach Tecklenburg zurück oder gaben ihr Debüt auf dieser Freilichtbühne. Der Cast versprach schon mal viel und nach der gelungenen Inszenierung von Rebecca war ich nun gespannt auf die Umsetzung von Les Miserables.

Foto: Holger Bulk

Für mich sollte der Abend gleich doppelt spannend werden, denn zuvor hatte ich Les Miserables noch nicht auf der Bühne erleben dürfen. Dies war sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass dieser Musical-Klassiker schon seit vielen Jahren in Deutschland nicht mehr auf der Bühne zu sehen war. Lediglich mit den Film, der 2012 erschien, hatte ich meinen ersten Berührungspunkte mit diesem Musical.

In Tecklenburg war also nicht nur Premiere dieser Inszenierung, sondern auch meine ganz persönliche Les Mis-Premiere. Und wie es bei Premieren so ist, war wieder eine ganz  besondere Stimmung wahrnehmbar. So viele Menschen wuselten umher, alle waren gespannt auf das, was sie gleich auf der Bühne erleben würden. Es knallten überall Sektkorken auf und hier und da wurde noch ein kleines Picknick vor der Show veranstaltet. Die Stimmung war – wie immer in Tecklenburg – ungezwungen und freundschaftlich.

Und dann begann die aller erste Show von Les Miserables in der Saison 2018. Und eines wurde schnell klar: Auch mit Les Miserables ist den Verantwortlichen in Tecklenburg wieder eine fabelhafte Inszenierung gelungen. Wie ich es nicht anders erwartet hatte, spielte Tecklenburg seine zwei Stärken aus: die kreative Bespielung der großen Bühne mit ihren verschiedenen Ebenen sowie Bühnenauf- und abgängen und die große Anzahl an Ensemble-Mitglieder. Die verschiedenen und speziell in diesem Musical auch sehr zahlreichen Schauplätze wurden kreativ dargestellt. Besonders gut gefallen hat mir die Umsetzung der Szene im Krankenhaus und die des Barrikadenkampfes. Für erstere wurde eine Art kleiner Raum durch Holzrahmen und fast durchsichtigem weißen Stoff geschaffen. Der Stoff flatterte im Wind und gab den zwei Sterbeszenen dadurch etwas Leichtes und Erlösendes. Für die Barrikadenszene wurde eine richtige Barrikade auf die Bühne gerollt, die den Darstellern mehrere Ebenen bot, auf denen sie herumklettern und sich positionieren konnten.

Foto: Holger Bulk

Neben dieser gelungenen „Optik“ standen auch wieder hervorragende Darsteller auf der Bühne. Jedoch möchte ich direkt vorweg sagen, dass mich nicht jedes Castmitglied zu hundert Prozent überzeugen konnte. Insbesondere nach dem doch etwas schwierigerem Besetzungsprozess, war ich doch von der ein und anderen Besetzung etwas verwundert.

Patrick Stanke spielte die Hauptrolle Jean Valjean und ließ das Publikum an seinem Leben nach der 19 jährigen Gefangenschaft teilhaben. Eindrucksvoll gab er sich der Rolle hin und legte sein ganzes Herzblut hinein. Sei es als frisch entlassener Häftling konfrontiert mit den Schwierigkeiten als gekennzeichneter Straftäter. Sei es als Bürgermeister konfrontiert mit der sterbenskranken Fantine, deren Leidensweg er angestoßen hat. Sei es konfrontiert mit Javert und ihrem widersprüchlichen Verständnis von Gerechtigkeit. Sei es konfrontiert mit dem stark verletzten Marius, dem er aus Liebe zu Cosette das Leben rettet. Er gab sich, so wie man es von Patrick Stanke kennt, mit jeder Faser dieser Rolle hin. Auch wenn es gesanglich die ein oder andere Schwäche gab, konnte er insbesondere mit seinem Solo Bring ihn Heim das Publikum überzeugen und erhielt dafür sogar vereinzelte Standing Ovations während des Stücks.

Foto: Holger Bulk

Javert wurde von Kevin Tarte gespielt. Er war zum Schaudern böse und spielte die Rolle sehr überzeugend. Gesanglich konnte er mich absolut überzeugen, auch wenn mir etwas der Wums fehlte, was meiner Meinung nach, aber nur an einem etwas zu leise eingestellten Mikrofon lag.

Milica Jovanvic übernahm die tragische Rolle der Fantine und konnte mich absolut begeistern. Sie ließ das Publikum an ihrem Leid teilhaben und sang sich emotional in die Herzen der Zuschauer. Ihr authentisches Schauspiel machte ihre Auftritte perfekt. Zu schade, dass ihre Rolle nur wenig Präsenz-Zeit auf der Bühne hatte.

Foto: Holger Bulk

Einfach nur perfekt besetzt und großartig gemeinsam auf der Bühne waren Jens Janke und Bettina Meske als Ehepaar Thénardier. Mir fällt es schwer zu glauben, dass die beiden „nur“ geschauspielert haben. Sie waren so authentisch, auf den Punkt, witzig und schon bei dieser Premiere ein eingespieltes Team.

Foto: Holger Bulk

Sowohl Florian Peters als Marius wie auch Daniela Braun als Cosette konnten mich nicht überzeugen. Florian Peters war etwas blass und konnte mich trotz seines gut vorgetragenen Solos  Dunkles Schweigen an den Tischen auch stimmlich nicht ganz abholen. Auch mit der Stimmfarbe von Daniela Braun konnte ich nicht warm werden.

Lasarah Sattler als Eponine hingegen konnte mich sehr begeistern. Sie spielte die Rolle so authentisch, dass man als Zuschauer mit ihr fühlte. Und auch gesanglich konnte sie mich überzeugen.

Foto: Holger Bulk

Für mich eines der absoluten Highlights des Abends war David Jakobs als Enjolras. Was für eine tolle und kräftige Stimme! Nicht nur die weiteren Studenten konnte er mit seiner Art mitreißen, sondern gleich das ganze Publikum. Für mich war es zudem auch interessant zu erfahren, dass David Jakobs bereits in der deutschen Erstaufführung in Duisburg mitspielte und niemand anderen als Gavroche, den kleinen Straßenjungen – wenn sich da nicht mal ein Kreis geschlossen hat!

Foto: Holger Bulk

Wer Tecklenburg liebt, wird auch an der Inszenierung von Les Miserables seine Freude finden. Ich war wieder erstaunt, was dort in Bezug auf Bühnenbilder und Ensemble möglich gemacht wurde. Zum Ende der Premiere gab es wieder minutenlange Standing Ovation und am liebsten hätte das Publikum den Cast gar nicht von der Bühne gehen lassen. In diesem Jahr wurde an der Premiere nicht verkündet, welches Musical nächstes Jahr in Tecklenburg zu sehen sein wird. Also heißt es: Einfach die Saison 2018 genießen, das Hier und Jetzt und nicht schon über nächstes Jahr grübeln.

Foto: Holger Bulk

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *