Tick…Tick…Boom! im Schnürschuh-Theater Bremen

Am Samstag ging es für mich und meine Patentante Anja nach Bremen. Da ich seit den Anfängen meines Blogs mit Kulturpoebel.de in Kontakt stehe, war es für mich eine klare Sache, dass ich mir ihre Produktion von ,,Tick..tick…Boom!“ anschauen werde. Zudem bot sich so auch die Chance das Team endlich mal persönlich treffen und kennenlernen zu können.
Zuvor hatte ich ein bisschen was über das Stück gelesen und fand die Thematik durchaus interessant. Ich war aber trotzdem weiterhin gespannt, was mich für ein Musical erwartet. Immerhin war es ja auch von echten Musicalfans ausgewählt worden und nicht von irgendwelchen Vorständen, denen es primär um das richtige Verhältnis von Kosten und Einnahmen geht.

© KULTURPOEBEL.de / Lennart Schaffert

© KULTURPOEBEL.de / Lennart Schaffert

Das Schnürschuh-Theater in Bremen ist ein recht kleines Theater mit knapp unter 100 Sitzplätzen. Es war alles sehr intim und fühlte sich gleichzeitig familiär an. Die Bühne war nur einen großen Schritt vom Publikum entfernt und ließ schon vor Beginn des Stücks die Nähe zwischen Darstellern und Publikum erahnen.
Aber nun erstmal zum Stück selber. Das Stück spielt 1990 in New York und befasst sich mit den Lebensängsten und Zukunftsplänen des 29 jährigen Jon. Jon ist viel versprechender Musicalkomponist, dessen Musicals es aber noch nicht auf eine Bühne geschafft haben. Sein bester Freund Michael hat einen Job in der Marktfforschung und kann sich mit 30 Jahren nun ein Auto, Luxusartikel und vor allem den Auszug aus der gemeinsamen WG leisten. Jons Freundin Susan ist Tänzerin und verdient als Tanzlehrerin ihr Geld. Jedoch ist sie mit ihrem Leben in New York unzufrieden. Ein Erfolg als Musicalautor zeichnet sich bei Jon nicht ab und allmählich ticken die Uhren für einen Eintritt ins Berufsleben und die Aussicht auf eine Familiengründung. In Kürze wird Jon 30 und er gibt seinem Lebenstraum noch eine letzte Chance.

© KULTURPOEBEL.de / Lennart Schaffert

© KULTURPOEBEL.de / Lennart Schaffert

Mit der Auswahl dieses Stücks hat Kulturpoebel voll ins Schwarze getroffen. Die Thematik und Geschichte ist zeitlos. Jeder steht, stand oder wird vor solchen Entscheidungen und Punkten in seinem Leben stehen. Die Musik des Stücks ist eingängig, rockig-poppig modern und lässt die Füße des Publikums im Takt mitwippen. Die Inszenierung im Schnürschuh-Theater ist intim. Man taucht komplett in Jons-Welt ein. Sich dem Stück entziehen, mit den Gedanken abschweifen kann man nicht, da man so nah dran ist. Die Darsteller sind präsent, stehen direkt vor einem und schauen einen an. Hier findet eine ganz besondere Interaktion zwischen Publikum und Darstellern statt. Man kann sich als Zuschauer nicht im Dunkeln des Zuschauerraums verstecken. Und die Darsteller sehen die Reaktionen des Publikums in jeder Sekunde.
Sicherlich muss man sich auf dieses Stück und die Inszenierung einlassen. Man darf keine riesige Bühne erwarten und ein riesen Repertoire an Requisiten. Vielmehr lässt sich die Inszenierung mit einem guten Buch vergleichen. Liest man ein gutes Buch, wird die Phantasie angeregt und jeder malt sich die Szenen in seinem Kopf aus. Wird so ein dann Buch verfilmt, ist man in der Regel enttäuscht, da es nicht den (persönlich individuellen) Erwartungen entspricht. Und so spielt ,,Tick…Tick…Boom!“ mit der Phantasie der Zuschauer. Jon schildert Autofahrten durch die Stadt, die Darsteller schlüpfen, nur deutlich gemacht durch einen Hut oder eine Schürze, in eine andere Rolle – und es funktioniert. Die eigene Phantasie komplettiert die Schilderungen und Darstellungen auf der Bühne. Wäre alles mit Requisiten physisch auf die Bühne gebracht worden, hätte diese nur überladen gewirkt und das Stück einen Teil seines Charmes verloren.

© KULTURPOEBEL.de / Lennart Schaffert

© KULTURPOEBEL.de / Lennart Schaffert

Mit den drei Darstellern Lukas Witzel, Tobias Goetz und Pauline Schostok stehen Personen auf der Bühne, die für das Stück brennen. Über 90 Minuten lassen sie ihr ganzes Talent in die Rollen fließen. Sie switchen zwischen den Rollen hin und her, als wäre es nichts. Sind hochkonzentriert und lassen ihre Spielfreude auf das Publikum überspringen. Mit Lukas Witzel wurde eine hervorragende Besetzung für die Hauptrolle gefunden. Er ist stimmlich sicher und schauspielerische stark. Man vergisst zeitweise, dass dort kein ausgebildeter Darsteller auf der Bühne steht. Aber auch Pauline Schostok und Tobias Goetz stehen ihm in keiner Weise nach.

jonsusan

© KULTURPOEBEL.de / Lennart Schaffert

Wer mit dem Gedanken gespielt hat sich das Stück anzusehen oder jetzt mit dem Gedanken spielt, dem kann ich nur dazu raten. Die Angst, dass es sich um eine schultheaterähnliche Produktion handelt, möchte ich an dieser Stelle nehmen. Das Kulturpoebel-Team hat mit ,,Tick…Tick…Boom!“ eine sicherlich kleine und intime, aber auch hochproffessionelle erste Produktion auf die Bühne gebracht, die absolut sehenswert ist.

Ein Gedanke zu “Tick…Tick…Boom! im Schnürschuh-Theater Bremen

  1. Anja schreibt:

    Wie bereits das ein oder andere Mal erwähnt 😉 – sehe ich das genau so, wie du. Ein rundum gelungenes Stück im perfekten Rahmen. Ich hoffe, Kulturpoebel.de (Grüße an dieser Stelle :-)) kann in dieser Richtung weiter machen und wir können noch mehr Eigenproduktionen erleben. Auch eine Wiederaufnahme würde mich noch mal nach Bremen locken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *