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Vom Musicalfan zum Musicalproduzent – Ein Interview mit den Gründern von Off-Musical Frankfurt

dscf2622Als Musicalfan durchläuft man die ein oder andere Phase. Zunächst wird man einer, dann träumt der ein oder andere davon Musicaldarsteller zu werden und verfolgt diesen Traum, wiederum andere reisen durch die Welt von einem Musicalstandort zum nächsten, manche erstellen einen Blog oder Magazin, um dort ihre persönlichen Eindrücke zu schildern und wiederum andere gründen eine eigene Produktionsfirma. Ja, die letztere „Phase“ ist vermutlich eher seltener vertreten, aber umso spannender! Marina und Stephan, die zwei Gründer von Kulturpoebel.de befinden sich gerade mitten in dieser Phase. Nachdem schon erfolgreich das Magazin Kulturpoebel.de entstanden ist, das erste Musical mit Tick…Tick…Boom! erfolgreich produziert wurde, haben die beiden nun Off-Musical Frankfurt gegründet – ihre Musicalproduktionsifrma. Wie der (innere) Prozess bis zu der Gründung aussah, haben sie mir in einem Interview verraten.

Zu zweit habt ihr die Produktionsfirma Off-Musical Frankfurt gegründet. Was war der Anlass für die Gründung?

Marina: Die Idee, Off-Musical Frankfurt zu gründen, bestand schon etwas länger, in erster Linie resultierte das Vorhaben aus unserer langjährigen Leidenschaft für Musicals und unserem Online-Magazin KULTURPOEBEL.de.

Stephan: Mit KULTURPOEBEL.de haben wir eine Plattform aufgebaut, die sich in besonderem Maße auf den englischsprachigen Raum fokussiert. In New York und London passiert unglaublich viel und die Entwicklung des Genres wird hier maßgeblich beeinflusst. Natürlich kommt man bei einer solchen Ausrichtung um Vergleiche mit dem Status Quo hierzulande nicht umhin und irgendwann ist dann der Plan entstanden, nicht nur über diese vielen neuen Stücke zu berichten, sondern sie auch hier in Deutschland zu produzieren. Die Strukturen sind hier – was die Produktionsfirmen betrifft – sehr eingefahren und für viele Musicals fehlen einfach die passenden Anbieter – obgleich gerade in der Fan-Szene ein großes Bedürfnis nach zeitgemäßer Musical-Unterhaltung besteht. Wir sehen das nun als Chance. Wenn man es so will, haben wir uns gefragt, was uns, also den Musical-Fans Marina und Stephan, an Stücken, aber auch im Theatererlebnis selbst, fehlt und daraus ein Geschäftsvorhaben abgeleitet.

Marina: Wir haben neben unserem Studium Jonathan Larsons „tick…tick…BOOM!“ in Bremen auf die Bühne gebracht. Die Produktion ist sehr gut angekommen, wir konnten uns ausprobieren, sicherlich auch den ein oder anderen Fehler machen, der uns jetzt erspart bleibt, und weiter an unserer Idee feilen. Schon während der Spielzeit von „tick…tick…BOOM!“ haben wir unseren Plan der Selbstständigkeit in Angriff genommen und die entsprechenden Weichen gestellt.

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Wie würdet Ihr euren persönlichen Weg vom Fan zum Produzenten beschreiben? Welche Phasen habt Ihr durchlaufen?

Stephan: Wie du schon sagst: In erster Linie sind wir beide Musical-Fans, wobei ich das Wort „Fan“ immer etwas unglücklich finde, weil es nicht ansatzweise ausreicht für das, was wir mit dieser Kunstform verbinden. DSC_7500-420x420Am Anfang – und das können die meisten wahrscheinlich auch genau in dieser Reihenfolge nachvollziehen – steht die Begeisterung, man findet langsam in das Genre rein, liest sich immer mehr an, beschäftigt sich mit den geschichtlichen Hintergründen, den Stücken und Kreativen. Irgendwann wird aus der Begeisterung dann eine Leidenschaft, eine Konstante im Leben. Ich persönlich habe mein ganzes Taschengeld als Jugendlicher in die Musical-Theater nach Stuttgart, Essen und Köln getragen. Alle dachten: Das ist nur eine Phase, der entwächst dem irgendwann. Das Gegenteil war der Fall, meine „Phase“ dauert mittlerweile schon über zwei Jahrzehnte…

Marina: Wir haben uns beide – wohl auch aus Mangel an darstellerischem Talent – erstmal für ganz solide, kaufmännische Ausbildungen entschieden und während dem Studium haben wirDSC_7512-420x420 uns dann irgendwann dazu entschlossen, unsere Leidenschaft für Musicals auf eine andere Ebene zu heben. Wir haben KULTURPOEBEL.de gegründet und damit ist dann eine neue Phase angebrochen: Aus uns Musical-Fans wurden Musical-Blogger oder Musical-Journalisten – wie auch immer man das nennen möchte. In dieser Phase haben wir stark Kontakte geknüpft und uns nochmal aus ganz anderem Blickwinkel mit den Stücken und Inszenierungen beschäftigt.

Stephan: Diese Phase hält auch immer noch an – hoffentlich noch sehr lange. Wir genießen es beide total, uns mit vielen anderen Musical-Begeisterten austauschen zu können, KULTURPOEBEL.de ist und bleibt ein Herzensprojekt, das uns letztlich auch – gerade durch die Gespräche mit unseren Autoren und Lesern – die Augen geöffnet hat: Es hat sich viel geändert innerhalb der Kunstform, es ist neben all den Blockbuster-Shows eine Art „Contemporary Musical“ entstanden, das bisher viel zu wenig den Weg nach Deutschland gefunden hat. Und aus dem Wunsch nach diesen neuen Stücken – aber auch dem fachlichen Background unseres Studiums heraus – hat jetzt eine neue Phase begonnen. Und wo diese hinführt, wird die Zukunft zeigen.

Welche Vision verfolgt ihr? Wofür steht Off-Musical Frankfurt? Was unterscheidet Euch von anderen Produktionsfirmen im Bereich Musical?

Marina: Mit Off-Musical Frankfurt wollen wir dem „Contemporary Musical“ eine Plattform in Deutschland bereiten, deutschsprachige Erstaufführungen austragen und Stücke auswählen, die noch nie oder zumindest selten in Deutschland gespielt wurden bzw. werden. Dabei bespielen wir nicht ein einziges Theater, sondern können je nach Musical die passende Spielstätte auswählen, was uns eine große Flexibilität in der Programmgestaltung verleiht. Für „Hedwig and the Angry Inch“ haben wir mit der Brotfabrik eine kleine, intime Location gefunden, während der alternative Rock-Club „Batschkapp“ eine sehr viel größere und atmosphärisch optimale Spielstätte für „American Idiot“ ist.

Stephan: Unser Programm ist es letztlich, was uns – so die Hoffnung – von anderen Produzenten unterscheidet. Wir spielen nicht die hundertste Inszenierung von „Jesus Christ Superstar“ oder „My Fair Lady“. Stattdessen eben neue, innovative und zeitgemäße Stücke wie beispielsweise „If/Then“, „Dear Evan Hansen“ oder „Once“ welche sind – nur ganz beispielhaft gesprochen. Ganz klar ist hierbei: Wir würden niemals ein Musical spielen, hinter dem wir nicht zu hundert Prozent stehen. Unsere persönlichen Lieblingsstücke, die für den KULTURPOEBEL.de-Leser sicherlich kein allzu großes Geheimnis sind, geben uns hier ein wenig die Richtung vor, wir wollen einfach verdammt gute Musicals machen und mit unseren Stücken auch diejenigen begeistern, die bisher einen großen Bogen um das Genre gemacht haben. Die Vision ist schließlich auch, mit dem vollkommen unzutreffenden Image der seichten, anspruchslosen Unterhaltung aufzuräumen, das dem Musical als Ganzes anhaftet. Wir Musical-Fans wissen, dass das natürlich nicht zutrifft. Ich denke, dass wir hier mit unseren Stücken ein Ausrufezeichen setzen können und auch müssen. Das Musical-Genre ist höchst aktuell und sowohl thematisch als auch musikalisch ist wirklich für jeden etwas dabei.

Marina: Wir sind sozusagen eine Ergänzung zu den großen Long-Runs und können Stücke machen, die achtmal die Woche vor 2000 Zuschauern eben nicht auf Dauer funktionieren würden. Hinzu kommt, dass wir uns ein Beispiel am Londoner West End nehmen, wo Musical eine Form der Unterhaltung ist, die man sich öfter als einmal pro Jahr leisten kann. So bieten wir beispielsweise Stehplätze am Tag der Vorstellung für 9 Euro an und haben auch sonst einen sehr geringen Einstiegspreis gewählt.

Stephan: Musicals zu fairen Preisen, unkonventionelle Spielstätten und qualitativ hochwertige, zeitgemäße Stücke – auf diesen kurzen Satz kann man es eigentlich ganz gut bringen.

 

War „tick…tick…BOOM!“ als Test für diesen Schritt geplant oder kam die Idee erst danach?

Marina: Als die Idee, selbst ein Musical auf die Bühne zu bringen, hatten wir zunächst nur diese eine Produktion in Bremen vor Augen.ttbrect Sicherlich schwebte im Hinterkopf schon immer der Gedanke oder besser gesagt der Wunsch, professionell Musicals zu produzieren. Aber erst als die konkrete Planung für „tick…tick…BOOM!“ begann und wir sahen, wie gut unser Konzept ankommt, wurde uns klar, dass wir es nicht bei einer Produktion belassen wollen und können. Im Nachhinein kann man „tick…tick…BOOM!“ also schon als eine Art Try-Out für Off-Musical Frankfurt betrachten, auch, wenn es in der ersten Sekunde gar nicht unbedingt als solches gedacht war.

 

Wieso habt ihr Euch für den Standort Frankfurt entschieden?

Stephan: Wir wollen Stücke machen, die überraschen und nicht zu dem Bild passen, das man häufig von Musicals hat. Deshalb war uns wichtig, in eine Stadt zu gehen, die wenig oder bestenfalls gar keine Long-Run-Konkurrenz hat, kulturell offen ist und uns die beste Infrastruktur für unser Vorhaben bietet. Frankfurt hat aufgrund seiner Lage, dem großen Einzugsgebiet und des internationalen Flairs enorm viel Potential, das für den Musical-Bereich – sicherlich auch aufgrund der Log-Run-Pleiten der 1990er Jahre in Niedernhausen und Offenbach – bislang wenig erschlossen ist. Wir können hier von Grund auf etwas aufbauen, was gleichermaßen Herausforderung wie Chance darstellt.

 

Wie kam es zu der Entscheidung „Hedwig and the Angry Inch“ und „American Idiot“ als Start-Produktionen zu wählen?

Stephan: „Hedwig and the Angry Inch“ und „American Idiot“ sind ursprünglich einfach Herzenstücke von Marina und mir. Uns ist es, wie bereits erwähnt, persönlich sehr wichtig mit Leidenschaft hinter den Produktionen zu stehen und genau das ist der Fall bei „Hedwig“ und „American Idiot“.

„Hedwig and the Angry Inch“ wurde in der Vergangenheit selten im deutschsprachigen Raum gezeigt. Aktuell gibt es zufällig einen kleinen „Trend“, dieses Musical zu produzieren, was uns sehr freut, da dieses Stück oft unterschätzt wird. „Hedwig“ ist schrill, außergewöhnlich, unfassbar tiefgründig und wird von einem richtigen Rock-Score begleitet, den es so kein zweites Mal in der Musical-Welt gibt bzw. geben wird. Dazu kommt, dass das Thema des Musicals momentan so aktuell ist wie noch nie und die Gesellschaft durch „Hedwig“ einen neuen, vielleicht auch unerwarteten Zugang zur Transgender-/Identitätsfindungs-Thematik erhält.

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Marina: Ich selbst bin großer Green Day-Fan und verfolge „American Idiot“ schon seit der ersten Ankündigung aus den USA. Jukebox-Musicals stehe ich persönlich immer sehr kritisch gegenüber – „American Idiot“ als solches zu kategorisieren ist aber nicht ganz richtig, weil das Musical auf einem Konzeptalbum beruht und eben nicht im Nachhinein verzweifelt versucht wurde, irgendwie eine Geschichte um die Songs zu konstruieren – die Story war von Anfang an da und wurde von Billie Joe Armstrong und Michael Mayer lediglich etwas ausgeschmückt. „American Idiot“ lebt dabei nicht nur von der Musik, sondern der gesellschafts- und medienkritischen Handlung.

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Stephan: Wir haben das Gefühl, dass der deutschsprachige Raum nur darauf gewartet hat, dass sich endlich mal jemand an „American Idiot“ herantraut – die Resonanz der Musical-Fans, aber auch von den Kreativen und Musical-Darstellern auf unsere Produktion ist gigantisch. Wir freuen uns sehr, dass wir „American Idiot“ nun endlich als deutschsprachige Erstaufführung auf die Bühne der Frankfurter Batschkapp bringen können!

 

Wie sieht Eure Wunschvorstellung von der Zukunft mit Off-Musical Frankfurt aus?

Stephan: Sicherlich gehen unsere Gedanken schon sehr weit und auch die Realisierung und Entwicklung eigener Stücke steht perspektivisch auf unserem Wunschzettel. Aber erstmal gilt es, sich ein Publikum aufzubauen und richtig gute Musicals auf die Bühne zu bringen.

Marina: Wir hoffen, dass wir viele Menschen mit unseren Produktionen begeistern, unser Programm konsequent durchziehen und in Zukunft vielleicht auch immer mutiger agieren können. Erstmal gilt es, den Worten auch Taten folgen zu lassen, sich einen Namen aufzubauen und mit „Hedwig and the Angry Inch“ und „American Idiot“ die Erwartungen zu erfüllen. Vielleicht müssen wir anfangs auch mal auf die ein oder andere sichere Variante setzen, weil wir einen Flop erstmal nicht so gut verkraften können wie andere etablierte Unternehmen. Das ist jetzt der Anfang eines Weges und wir sind selbst gespannt, wo er hinführt.

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