Warum ich mir einbilde Rezensionen schreiben zu dürfen

Immer wieder lese ich es in den Kommentaren, aber auch in Diskussionen in so mancher Musicalgruppe: „Blogger braucht niemand„, „Folgt am besten niemandem von diesen Bloggern/YouTubern„, „Diese Hobbykritiker braucht keiner„. Erst diese Woche gingen die Diskussionen unter einem Beitrag, der die Musical-Community einfach nur nach den Lieblings-YouTubern fragte, soweit, dass der Musicalfan, der diesen Beitrag postete, ihn wieder löschte. Ich möchte hier nicht missionieren und argumentieren, warum Blogs/Vlogs eine tolle Sache sind. Nein – denn woher man seine Informationen bezieht und was man im Internet konsumiert, das soll jeder selbst entscheiden. Vielmehr möchte ich zu einer differenzierten Auseinandersetzung aufrufen und zumindest einmal für meinen Blog und meine Kanäle erklären, warum ich mir „einbilde“ Rezensionen schreiben zu dürfen.

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Nun, ich könnte jetzt bei den Basics anfangen und auf den Artikel 5 des Grundgesetzes, welches ja erst kürzlich seinen 70. Geburtstag feierte, verweisen, in dem die Meinungsfreiheit festgehalten wird. Aber mir ist schon klar, dass es weniger darum geht, dass ich meine Meinung äußere und mehr darum wie – nämlich subjektiv. Und hier kommt dann gerne der Vergleich zu „richtigen“ Journalisten. Journalisten sind wichtig. Ihnen vertraut man. Sie haben ihr Handwerk gelernt. Und berichten objektiv. Nicht wie ich, die einfach mal drauf los geschrieben hat. Journalistische Texte über Musicals finden wir in Tageszeitungen und in den bekannten Musicalmagazinen…

Doch sind wir mal ehrlich: Rezensionen über Musicals oder Konzerte, die in Tageszeitungen erscheinen, sind oftmals sehr oberflächlich. Wer sich den Spaß macht und mal die Pressemitteilung zum jeweiligen Event daneben legt, wird erschrocken sein wie sehr sich die Texte teilweise ähneln. Oft sind Namen der Sänger falsch und als Fan, der die Materie kennt, erfährt man oft nicht viel Neues. Aber wie sollte es auch anders sein? Journalisten von Tageszeitungen sind in der Regel keine großen Fans, die sich tagtäglich mit der Musicalwelt befassen. Sie schreiben nicht für uns, sondern für die breite Masse. Und auch das ist wichtig: Denn die Musicalhäuser können nicht mit dem kleinen Prozentanteil der Musicalfans überleben, sondern sind auf diese breite Masse angewiesen. Aber auch hier gibt es immer mal wieder Artikel, in denen sich die Journalisten im Ton vergreifen. Deutliche Kritik üben, vielleicht weil es ihnen einfach nicht gefallen hat oder sie eigentlich über Opern schreiben und mit Musicals so gar nichts anfangen können…und da wären wir wieder bei einer subjektiven Berichterstattung…

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Ergänzend zu diesen Artikeln, gibt es aber ja auch noch Musicalmagazine. Hier wird sich fachlich mit Shows auseinandergesetzt und intensiv analysiert. Gerade als Fan oder Branchenkenner, erfährt man hier Neues und setzt sich auf einem ganz anderen Level mit Inszenierungen auseinander. Doch wer schreibt hier eigentlich? Sind es nicht auch Menschen, Musicalfans, die ihre individuellen Eindrücke niederschreiben? Sicher – an den Texten merkt man deutlich, dass die Autoren einen journalistischen Background haben. Und die individuellen Eindrücke werden in Argumentationsketten erläutert. Aber unterm Strich, ist es auch eine Meinung.

Grundsätzlich sollte man sich auch immer die Frage stellen wie unabhängig sind Zeitungen und Magazine wirklich? Denn diese Medien finanzieren sich nicht nur durch die Einnahmen des Verkaufs, sondern auch durch Anzeigen. Wird ein Magazin, dass primär Anzeigen von Stage Entertainment schaltet, negativ über dieses Unternehmen/diese Einnahmequelle schreiben? Eine Frage, die nicht so einfach mit Ja oder Nein zu beantworten ist. Die man aber im Hinterkopf behalten sollte, wenn man die Magazine durchblättert und immer mal wieder eine bunte Anzeige zwischen den Artikeln entdeckt.

Und dann gibt es da seit ein paar Jahren noch Blogs, Vlogs und Instagram. Musicalfans wie Du und ich nutzen das Internet um die eigene Meinung zu publizieren. Gestartet habe ich den Blog, weil mir so ein Medium im Musicalkosmos gefehlt hat. Beiträge in Massenmedien über Musicals waren und sind rar und oberflächlich. Und wenn ich Beiträge in bekannten Musicalmagazinen las, hatte ich nicht das Gefühl mit den Autoren auf einer Augenhöhe zu sein. Teilweise ging es mir fachlich einfach zu sehr in die Tiefe. Mir fehlte ein Medium dazwischen, welches ich mit meinem Blog schuf. Ein weiterer Grund war, dass ich so einen virtuellen Raum schaffen konnte, indem ich mich mit anderen Musicalfans austauschen kann. Meinungen können ver- und abgeglichen werden. Und Blogbeiträge wie dieser regen zu Grundsatzdiskussionen an, die sich nicht auf konkrete Musicals beziehen, sondern auf Fan-Themen.

Bewusst betone ich auch immer, dass Musical Lifestyle ein Blog ist – kein Magazin. Für mich sind Beiträge auf einem Blog immer subjektiv. Es hat einen Grund, dass mein Gesicht im Titelbild ist und auch immer mal woanders auftaucht. Musical Lifestyle bin ich, ich bin Musical Lifestyle. Auf dieser Plattform darf niemand objektive Berichte erwarten (falls es diese überhaupt gibt).

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Gefühlt werden meine Aktivitäten immer dann hinterfragt, wenn ich Kritik übe. Wieso nehme ich mir heraus x oder y zu kritisieren? Und da muss ich ganz ehrlich sagen, dass es Darsteller in unserer Musicalblase gibt, die unantastbar zu sein scheinen. Vielleicht sollte es eher als erfrischend betrachtet werden, dass es noch Autoren gibt, die sich „trauen“ auch an diesen Darstellern Kritik zu üben. Denn ich habe nichts zu befürchten (außer den Zorn der Fans). Meinen Blog betreibe ich angetrieben von meiner Leidenschaft und nicht mit Geld aus Werbeanzeigen oder um gute Kontakte zu Darstellern herzustellen. Wichtig ist mir hierbei nur eins: ein respektvoller Umgang. Rezensionen, die kritisieren, sind oftmals länger, weil ich versuche zu erklären, warum mir etwas nicht gefallen hat. Ich bin auch nie beleidigend und versuche deutlich zu machen, dass ich es so wahrgenommen habe – andere aber vielleicht auch anders.

Auch die Art und Weise wie kritisiert wird, ist ein wichtiger Aspekt. Meiner Meinung nach gibt es Blogger/Vlogger/Instagrammer in der Musicalszene, die nicht respektvoll (und nachvollziehbar) rezensieren. Vielleicht befeuern diese auch diese generelle Ablehnung. Hier muss sich also jeder Fan, Darsteller und jedes Produktionsunternehmen fragen: wen wollen wir unterstützen? Sei es mit Klicks und Likes, Zusagen zu Interviews oder Einladungen zu Shows und Backstage-Drehs. Wollen wir Influencer unterstützen, die ihren Fokus darauf haben sich selber im Rampenlicht zu sonnen und Kontakte mit Darstellern zu knüpfen und dafür auch gerne mal eine polarisierende Sprache nutzen, ohne darauf zu achten, ob man damit jemanden verletzt?  Oder unterstützen wir lieber Influencer, die es schaffen die Waage zwischen Selbstinszenierung und gutem Content zu halten?

Ich denke, ich habe jetzt recht ausführlich beschrieben, warum ich diesen Blog ins Leben gerufen habe und wieso ich denke, dass auch ich Rezensionen schreiben darf:

  • Medium zwischen oberflächlicher Massenberichterstattung und fachlich-intensiven Magazin-Beiträgen
  • erfrischend ehrliche Berichte
  • virtuellen Raum zum Austausch schaffen
  • zum Meinungsabgleich
  • Aufgreifen von Fan-Themen und Anregen von Grundsatzdiskussionen

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Nun vielleicht noch kurz ein Aspekt, warum ich denke, dass wir Blogs und Vlogs in der Musicalwelt brauchen: Je intensiver ich mich mit der Musicalwelt befasse, umso mehr entdecke ich. Es gibt Musicalvereine, semiprofessionelle Produktionen und Darsteller, die frisch von der Uni kommen und nun hoffnungsvoll in ihr Leben als Musicaldarsteller starten. Kleinere Produktionen haben kein Budget, um ihre Aktivitäten großartig zu vermarkten und die „alten“ Medien haben oftmals kein Interesse oder nicht die Kapazitäten über jede noch so kleine Produktion zu berichten. Und auch junge Darsteller haben es schwer mal in Magazinen mit Interviews vorgestellt zu werden – bekannte Stars ziehen einfach mehr Leser an. Es sind Blogs wie meiner, die eine Plattform auch für Berichte über kleinere Produktionen oder Newcomer schaffen. Die mit einem Instagram-Post auf eine Crowdfunding-Kampagne oder ein kleines Benefiz-Konzert aufmerksam machen können.

Wenn man kein Fan von diesen „neumodischen“ Blogs und YouTube-Videos ist, ist das völlig ok. Ich würde mir aber wünschen, dass nicht bei jeder Gelegenheit, die sich bietet, drauf los gepoltert wird, dass diese Plattformen niemand braucht. Denn das stimmt so pauschal nicht. Gäbe es nicht viele Musicalbegeisterte, die regelmäßig meine Beiträge lesen und mir auf Instagram folgen, gäbe es meine Kanäle nicht seit über 3 Jahren. Und würden Darsteller und Produktionsfirmen das so sehen, hätte ich keine Inhalte….

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2 Gedanken zu “Warum ich mir einbilde Rezensionen schreiben zu dürfen

  1. Karin Kobusch schreibt:

    Hallo Miriam,
    warum du Rezensionen schreiben solltest? Wenn nicht du, wer sonst. Ich kenne niemanden (persönlich) der auch nur ansatzweise so gut mit Worten und Sätzen umgehen kann wie du.
    Du könntest wahrscheinlich auch ein Buch über „Theorien der Quantenphysik“ schreiben und ich würde es überaus spannend finden. Wenn ich doch nur einen Bruchteil von deiner Gabe hätte, einfache Wörter in wunderbare Sätze zu verwandeln.
    Außerdem ist es dein Blog – niemand wird gezwungen sich deinen Blog anzusehen und deine Rezensionen durchzulesen, aber wer sich „Warum ich mir einbilde Rezensionen schreiben zu dürfen“ durchgelesen hat, der sollte es spätestens jetzt begriffen haben warum du „unbedingt“ weiterhin Rezensionen schreiben solltest.
    Danke

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