Chicago im Theater Bonn

© Thilo Beu

Nachdem ich im Sommer ein bisschen Musical-Luft unter freiem Himmel schnuppern konnte, sollte nach der Freilicht-Saison nun endlich meine Premiere für Indoor-Musical-Besuche nach den Lockdowns anstehen. Im Kalender eingetragen und mit großer Vorfreude ersehnt, war mein Besuch von „Chicago“ in Bonn am 09. September.

Doch die Anreise von Düsseldorf nach Bonn stand an diesem Tag unter gar keinem guten Stern und bescherrte mir das Erlebnis zum aller ersten Mal zu spät im Theater anzukommen. Der Verkehr in NRW war die absolute Hölle, hinzukam einmal Verfahren und das Fiasko war perfekt. Nach viel Stress kamen wir exakt 2 Minuten nach Showbeginn am Theater an und erfuhren dann was wir schon ahnten: Es gibt keinen zweiten Einlass. Somit verbrachten wir den ersten Akt im Foyer mit Leidensgenossen am Fernseher und hatten das schlechteste aus Lockdown- und Real-Welt: Live-Stream mit ätzender Anfahrt. Zum zweiten Akt durften wir dann zwar unsere Plätze wieder einnehmen, aber ganz ehrlich, da war der Abend bereits gelaufen.

Netterweise hat es mir die Pressestelle des Theater Bonns ermöglicht Chicago noch einmal mit Pressekarten zu besuchen. Und so kam ich dann am 01. November doch noch zu meinem Theatererlebnis! So war es zwar nicht mehr mein erstes Indoor-Theater-Erlebnis nach dem Lockdown, aber die Inszenierung in Bonn wollte ich mir keinesfalls entgehen lassen.

© Thilo Beu

Das Musical „Chicago“ hatte ich zuvor nur einmal 2019 in Köln erleben dürfen. Dort machte eine englisch-sprachige Tourneeproduktion halt. Die Inszenierung damals gefiel mir sehr gut, insbesondere wegen der grandiosen Darsteller*innen. Jedoch, und das merkte ich in Bonn sehr deutlich, hatte ich nicht jede Feinheit und jedes Detail der Story verstanden. Die deutsche Inszenierung in Bonn konnte hier in meinem Köpfchen einzelne Puzzle-Stückchen zusammenfügen und mich die Geschichte, den Witz und die Überspitzung viel besser und vor allem entspannter verstehen lassen. Hier zeigt sich einfach, dass deutschsprachige Versionen nicht immer direkt verteufelt werden sollten. Mit meinem soliden Englisch komme ich gut zurecht, privat wie im Job und auch die ein oder andere Netflix-Serie lässt sich entspannt damit schauen. Aber bei manch englisch-sprachiger Inszenierung komme ich da einfach an meine Grenzen.

Also schon mal eine tolle Auswahl des Theaters sich diesem Musical-Klassiker anzunehmen. Und man kann allen beteiligten nur ein Lob für diese Inszenierung aussprechen. Das, was man als Zuschauer auf der Bühne erlebt, ist frech, dynamisch, witzig und pointiert. Auch wenn das Stück schon auf zig Bühnen gespielt wurde, in Bonn hat es keinen angestaubten Charakter.

© Thilo Beu

Einen großen Anteil an der gelungenen Inszenierung hat die wirklich erstklassig besetzte Cast. Hier wurde in große Namen der Musicalbranche investiert, die nicht nur einzeln in ihren Rollen, sondern auch im gesamten Ensemble super funktionieren. In den Hauptrollen durfte ich Bettina Mönch als Velma Kelly, Elisabeth Hübert als Roxie Hart, Anton Zetterholm als Billy Flynn und Enrico de Pieri als Amos Hart erleben. Mamma Morton wurde von Dionne Wudu verkörpert, die ich zuvor nicht kannte, die sich aber als perfekte Besetzung erwies. Als weiteres bekanntes Gesicht stand Victor Peterson als Reporter*in Mary Sunshine auf der Bühne. Ihr merkt schon, wenn man die Namen liest könne man auch glatt bei einer großen, kommerziellen Produktion gelandet sein.

Doch durch das Zusammenspiel dieser erstklassigen externen Musicaldarsteller mit dem Ensemble sowie den Ideen des Kreativ-Teams, ist eine Produktion entstanden, die sich mit den ganz großen messen lassen kann. Ich bin immer wieder begeistert, wenn Stadttheater tolle Musicalproduktionen auf die Bühne bringen, insbesondere in NRW, wo die Musicallandschaft mehr und mehr ausgedünnt wird. Natürlich hat man hier und da gemerkt, dass auch den Möglichkeiten des Stadttheaters Grenzen gesetzt werden. Insbesondere in den Tanzszenen wäre noch Luft nach oben gewesen.

Alles in allem kann man dem Theater Bonn aber nur zu einer weiteren sehr gelungen Musical-Inszenierung gratulieren. Ich hoffe auf weitere tolle Produktionen!

© Thilo Beu

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