Ist der Musicalbesuch denn gar nichts besonderes mehr?

Kennt Ihr das? Man fiebert lange auf diesen Musicalabend hin, überlegt schon Tage vorher, was man wohl anziehen könnte, was dem Anlass angemessen wäre. Dann kommt der Tag – man putzt sich heraus, zieht mal die guten Schuhe an und geht vielleicht vorher noch in einem schönen Restaurant etwas Essen. Dieser Abend ist einfach etwas besonderes – egal, ob man sich einen Ausflug in die Theaterwelt öfter oder seltener gönnt. Und dann kommt man im Theater an, schaut sich im Foyer um und sieht ihn in Shorts und mit Cappy und sie in ausgebeulter Jeans und Turnschuhen….

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dscf2094Na gut – denkt ich mir – nicht jedem ist so wichtig was er trägt und nicht jeder legt so viel wert wie ich auf das äußere Erscheinungsbild. Also setze ich mich gut gelaunt auf meinen Platz – gleich wird es losgehen! Ein Blick nach rechts – ja, ist das denn zu fassen? Der junge Mann dort hinten in Reihe 20 schlürft ganz unbeirrt seine Cola mit einem Strohhalm, die er zuvor an der Bar erstanden hat. Seit wann darf man denn dscf2088Getränke mit in den Saal nehmen?, frage ich mich.
Naja, jeder soll ja machen wie er denkt. Und dann geht es los. In einer spannenden Szene leuchtet vor mir etwas grell auf… Ist die echt am Handy?? Gut, WhatsApp kann halt nicht warten. Ist bestimmt tooootal wichtig. Ein paar Szenen später Geraschel hinter mir. Ich werfe einen bösen Blick nach hinten. Isst die da wirklich gerade M&M’s?? Langsam schlägt mir das alles doch auf die gute Laune. Dann fängt die junge Frau neben mir noch an ihrer Nachbarin zu erzählen wie nervig ihr Chef doch heute war…. Was ist bloß mit dem Musicalpublikum passiert?

Ja, natürlich. Das ist jetzt alles sehr überspitzt und alles auf einmal ist mir auch noch nicht passiert. Aber gefühlt nimmt es irgendwie zu. Als ich dieses Jahr in London war, hatte ich einen kleinen Kulturschock im Theater. Ich wusste natürlich, dass es dort eine andere Mentalität gibt als hier. Dort ist es ganz normal, dass die Becher mit Cola oder Bier mit in den Theatersaal genommen werden und auch Popcorn oder sogar mitgebrachte Snacks verzerrt werden – während der Show versteht sich. Gefühlt hat jeder auch während des Stücks mindestens einmal sein Handy in der Hand. Aber möchten wir das auch in Deutschland?

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Ist der Musicalbesuch denn nichts besonderes mehr? Wenn man bedenkt, was die Karten in manchen Häusern mittlerweile kosten, sollte man eigentlich meinen, dass der gemeine Zuschauer keine Millisekunde verpassen möchte und das Maximum aus diesem Erlebnis herausholen will. Und wenn das für einen selber alles nicht so wichtig ist, was da auf der Bühne passiert, kann man doch wenigstens seinen Sitznachbaren das Vergnügen lassen und es nicht durch Gespräche, Geraschel oder anderen Aktionen vermiesen.

Kann man den Darstellern nicht den Respekt zollen, den sie verdienen, und ihnen Aufmerksamkeit schenken. Immerhin stehen da echte Menschen auf der Bühne, die ihr Herzblut geben und Talent zeigen. Es ist kein Kinobesuch – dort wird nicht immer ein und der selbe Film abgespielt, der irgendwann mal irgendwo aufgenommen wurde. Alles ist live, alles ist echt.

Ich wünsche mir sehr, dass der Theaterbesuch in Deutschland etwas besonderes bleibt – ein besonderes und keinesfalls alltägliches Erlebnis, das man versucht auch so zu begehen. Sei es durch etwas schickere Kleidung, dass man das Handy doch tatsächlich einfach mal aus macht und die Naschereien für den gemütlichen Abend zu Hause auf dem Sofa aufhebt.

 

2 Gedanken zu „Ist der Musicalbesuch denn gar nichts besonderes mehr?

  1. Krissy sagt:

    Hallo Miriam,

    erstmal ein großes Kompliment an dich und deinen Blog – ich liebe ihn 🙂

    Und dann sprichst du mir so aus der Seele: Das ist wirklich ein Graus manchmal. Ich war 2013 in New York am Broadway. Und da sind die Outfits der Besucher noch das Schönste in solchen Vorstellungen: Da gehen Erdnuss- und Eisverkäufer rum, „Zu-spät-Kommer“ werden die ganze Vorstellung über eingelassen, hinter uns haben ein paar Mädels (die mal so nebenbei jede Szene lautstark mit „OH MY GOOOOD“ kommentiert haben) erstmal ihre Schnittchen mittendrin ausgepackt… da dachte ich mir auch, dass das echt nicht wahr sein kann.
    Bei einer Vorstellung hier in Deutschland hatte ich auch mal das Vergnügen mit einer Sitznachbarin, die erstmal direkt bei „Totale Finsternis“ ihr Bonbon auspacken musste (gefühlte ZEHN MINUTEN LANG!). Mal von diesen ganzen lauten Quatschern abgesehen… ah, du merkst schon, ich bin da meinungstechnisch voll bei dir 🙂
    Deswegen: Ich hoffe auch, dass die Besucher mal ein bisschen darauf zurückbesinnen, dass das auch eine Sache von Respekt gegenüber den Darstellern ist und auch denen gegenüber, die denselben Preis bezahlt haben und daher auch etwas von der Vorstellung haben möchten.

    Liebe Grüße,
    Krissy

    • Nasja92 sagt:

      Liebe Krissy,
      vielen vielen Dank für Deine lieben Worte <3 Ich freue mich immer, wenn ich andere mit meinem Blog begeistern kann und sie Spaß daran haben ein bisschen rumzustöbern 😉
      Hoffen wir mal, dass die Musicalbesucher in Deutschland eher zu ihren "alten" Verhalten zurückfinden als sich dem der Engländer und Amerikaner weiter anzunähern... :/

      Alles Liebe,
      Miri

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